Donnerstag, 14. April 2011

Coyera - Wiñana

Mit fällt auf, dass ich bis jetzt noch nie meine zweite Arbeitsstelle am Nachmittag vorgestellt habe. Wie ich schon berichtete arbeite ich ja morgens im Projekt Inti K’anchay und nachmittags schließlich noch in Coyera und Wiñana. Wo der Unterschied liegt, erkläre ich im Folgenden noch genauer.

Coyera beschäftigt sich ausschließlich mit Menschen beider Geschlechter (!), die auf der Straße oder auch in einigen Fällen mit Menschen, die sich in den einzelnen Gruppen tagsüber aufhalten, auf der Straße arbeiten und kurz davor stehen auf der Straße zu leben. Viele Menschen fragten mich oft, wie wir die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen täglich finden sowie treffen. Es ist nicht so, dass wir losfahren und aus dem Autofenster schauen, wenn wir kennen. Auch fahren wir nicht zu irgendwelchen Hinterhöfen oder dergleichen, um die jeweiligen Personen zu finden. So wie in Deutschland auch, leben die obdachlosen Menschen in relativ festen Orten und arbeiten hauptsächlich auch an den gleichen Stellen. Ihre zugehörigen Namen resultieren aus den jeweiligen Orts- oder Straßennamen. Jeden Montagnachmittag planen wir im Kollegium unsere Woche, wobei die Vormittage jeder Woche für die gleichen Gruppen eingeplant sind. So können wir unsere Aktivitäten gut mit anderen Organisationen abstimmen, die auch mit den gleichen Gruppen arbeiten. Gleichzeitig erfahren die Gruppen dadurch Routine sowie einen Wochenplan. Drei der sechs Gruppen, mit denen wir arbeiten leben unter Brücken: America, Huaynacapac, Costanera. Eine auf einem Platz (San Sebastian), eine andere befindet sich auf einem Berg (Costanera), an einem von der Stadt abgeschotteten Ort, wo sie sich ihre Hütten konstruiert haben. Die letzte (6 de agosto) besteht aus Kindern und Jugendlichen, die sich zum z.T. zum Arbeiten treffen und einigen, die in der Nähe eines Schwimmbades wohnen.

Sie unterscheiden sich sehr voneinander. Einige Gruppen bestehen schon sehr lange, während sich 6 de agosto erst vor einem halben Jahr neu gebildet hat. Auch die Art und Menge des Drogenkonsums sowie ihre ‚Arbeit‘ variieren. Hauptdroge ist jedoch Schuhkleber, der irgendwann industriell verändert wird, so dass seine Wirkung wesentlich stärker aber auch schädlicher ist. Marihuana wird z.T. auch konsumiert und im Beispiel Huaynacapac und San Sebastian spielt purer Alkohol sowie Chicha eine große Rolle. Der Chef jeder Gruppe sammelt von allen Mitgliedern Geld ein, um den Kleber von einem Dealer zu erstehen, welcher nachwievor in den typischen kleinen milchigen Plastikflaschen verkauft wird. Je nachdem wird täglich eine bis zwei Falschen inhaliert. Er sorgt dafür, dass keine Kälte, Hunger sowie Schmerzen gespürt wird. Gleichzeitig benebelt er den Geist ähnlich wie Marihuana, muss aber für seine Wirkung fast konstant konsumiert werden. Für eine noch stärkere Wirkung kann der Flüssigkleber auch in eine Tüte gekippt werden, aus der wie bei einer Panikattacke ein- und ausgeatmet wird. Da es über die Atemwege geht, wirkt er sofort, geht direkt an die Nervenbahnen und schädigt sie langfristig, wodurch sich zunächst die Feinmotorik verabschiedet, später folgt Grobmotorik, bis hin, dass die Menschen nicht mehr Laufen und dergleichen können. Zudem trocknet das Hirn immer weiter aus, wodurch dessen Leistungen stückchenweisen eingehen.

Die schon angesprochenen ‚Arbeiten‘ sind hauptsächlich Autofensterscheiben zu putzen, wofür sie mit der kleinsten verfügbaren Münze bezahlt werden. Da Bolivien an einem Münzmangel leidet, finden die Bolivianer meistens nur 50 Centavos (2 x 50 Centavos = 1 Boliviano) in ihren Brieftaschen. Dafür kann sich Mensch ein Brötchen beim Bäcker kaufen oder auch eine Tüte Wasser. Zur Erinnerung: ein Mittagessen kostet ca. 10Bs, eine Unterkunft in einem Hostal, wo kein Tourist unterkommen möchte 20Bs. Als Fortschritt gilt Süßigkeiten auf der Straße oder in Bussen zu verkaufen. Viele verkaufen auch ihre gestohlenen Gegenstände auf der Cancha.

Wir versuchen nun die niños en situación de calle dazu zu motivieren, dass sie die Straße verlassen, ihren Drogenkonsum aufgeben und damit einhergehend einige ihre Gewohnheiten und Habitus ändern. Dies ist sehr wichtig, sich zu merken, da anderen Organisationen, die mit den ungefähr 1000 Straßenkindern Cochabambas arbeiten, sich unterscheidende Ziele verfolgen. Alles läuft bei uns über Motivation. Wir können sie zu nichts zwingen. Außer vielleicht unsere Regeln während unseren Aktivitäten zu beachten. Sie können schließlich immer gehen.
Dazu besuchen wir die jeweiligen Gruppen wöchentlich und spielen mit ihnen hauptsächlich Fußball oder andere Sportarten, die unteranderem gegen die Wirkungen des Klebers ankämpfen. Vor den Spielen bieten wir verschiedene Workshops an, die z.B. die Menschenrechte, Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Verhütung, Gewalt (auch Polizeigewalt), Umwelt, Identität, Selbstbewusstsein, Wertschätzung der eigenen Person und der Mitmenschen behandeln. Am Ende jedes Vormittags essen wir mit ihnen eine Kleinigkeit, was auch dafür sorgt, dass sie mindestens einmal die Woche gesund essen und wir gleichzeitig unsere Bemühungen im Bereich der Ernährung praktisch unterstützen. Nebenbei passiert viel in Einzelgesprächen. Sollten aus diesen konkrete Motivationen oder Bedürfnisse (z.B. Arztbesuch) zur Veränderung bestehen, koordinieren wir die dazugehörigen Schritte im Team und setzten sie beim nächsten Mal am Rande um. Obwohl wir mit ca. 154 Straßenmindern insgesamt arbeiten, können wir im Moment rund 25 casos concretos festhalten. Davon verlässt jährlich ein kleiner Prozentsatz die Straße und einige dieser Menschen kehren (längerfristig) nicht auf die Straße zurück.

Von dieser Warte aus betrachtet, erscheint unsere Arbeit aussichtslos, vielleicht sogar sinnlos. Doch trotzdem benötigen sie Hilfe und Zuwendung. Damit die Anzahl der auf der Straße lebenden Menschen nicht noch weiter anwächst versucht Inti K’anchay ja, dem präventiv vorzuwirken.
Auch wenn wir nicht gerade viel Bewirken können und uns schnell Grenzen gesetzt sind, lässt mich der Kontakt und das Zusammensein mit den Kindern meine Traurigkeit darüber vergessen. Denn obwohl sie im ersten Moment und in verschiedenen Situationen wie Erwachsene erscheinen, blickt beständig ein kleines Kind in jedem von ihnen durch. Diese Kombination macht sie oft so liebenswert und süß. Hier kann ein jeder lernen, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen.

Wiñana kümmert sich dann in einem zweiten Schritt um all die Menschen, die die Straße verlassen haben. Meistens besteht dieses Klientel aus Personen, die wir schon aus unserer Arbeit auf der Straße kennen. Dies vereinfacht viele Dinge. Oft haben wir schon im Moment des Veränderungsprozesses damit angefangen die rechtlichen Schritte einzuleiten, um z.B. einen Personalausweis zu beantragen. Auch kennen wir Gewohnheiten, Geschichte und besitzen schon Kenntnisse in den Bereichen educativa, social und psicologia.

Ziel dieses Projektes ist es nun, die Menschen in ihrem Prozess positiv zu unterstützen, zu orientieren und beständig weiter zu motivieren. Dazu besuchen wir sie regelmäßig (je nach Bedürfnissen und Zustand der Personen) in ihren Häusern oder Zimmern. Je nach den Ergebnissen der Gespräche leiten wir die entsprechenden Schritte ein: Begleitung zu Ämtern, Ärzten und öffentlichen Stellen, Unterstützung bei Arbeits- und/oder Lehrstellen, Intervention der Psychologin, das Alphabet lehren. Alle zwei Monate versammeln wir alle zu einem taller (workshop), in denen wir häufige Themen ansprechen. Ziel ist dabei aber auch gleichzeitig, dass die Eltern z.B. aus ihren Häusern rauskommen und mit ihren Kindern andere Orte Cochabambas und Umland kennenlernen. Gleichzeitig können wir sie dadurch zusätzlich in anderen Verhältnissen erleben und gegebenenfalls direkt intervenieren, was auch Tipps oder Hinweise sein können. Ein gutes Essen fehlt natürlich auch nicht, was wie immer aktiv mit area salud (Gesundheit) verbunden wird, so wie auch das Thema, unter der die Exkursion steht.

Da die Mehrheit Paare mit Kindern sind, dreht sich auch viel in unseren Besuchen um die Kinder, deren Erziehung und das Leben als sich liebende Lebensgemeinschaft. Oft versuchen wir die Eltern dazu zu motivieren, dass sie ihre Kinder in den Kindergarten Fenix der Fundación schicken oder in zwei Fällen sogar in Inti K’anchay. Dies sollte, so dachte ich bis vor kurzem noch, für die Eltern sehr attraktiv sein, da ihnen in diesem schwierigen und anstrengenden Bereich noch mehr hilfe angeboten wird, von eine Fundación, die sie schon kennen. Doch durch ihre vielen Erfahrungen mit anderen Organisationen und dem Staat lernten einige vorsichtig zu sein (manchmal verstehen sie [z.T. durch die Effekte ihres Drogenkonsums]die Situation oder Zusammenhänge zwischen den Projekten nicht), da diese vielleicht in einem Moment versucht haben ihre Kinder in Zwangsobhut zu nehmen oder kennen das von Freunden. Misstrauen zu beseitigen benötigt viel Anstrengung und Kraft. Auf jeden Fall koordinieren wir unsere Arbeit regelmäßig mit Fenix.

Mittwoch, 6. April 2011

Zwischenbericht II

Seid meine letzten Zwischenbericht hat sich viel Verändert. Kulturelle und soziale aber vor allem professionelle Erfahrungen sind dazugekommen. Gedanken und Standpunkte haben sich verschoben. Durch eine ausführlich Reflexion und umfassenden Personalwechsel konnten wir als Team gemeinsam das Chaos und Desorganisierung verlassen hinzu zweckmäßigen und umfassenden Arbeiten. Die Fundación Estrellas En La Calle ist nun wesentlich weiter auf dem Weg vorangeschritten ihre Vision zu erreichen. Gleichzeitig kann ich nun in meinem Beruf vollwertig arbeiten und werde darin immer weiter gefordert. Ich habe meinen Platz gefunden und setze eigene Ideen um. Dies geht soweit, dass ich mich in Teamsitzungen stark für z.T. eigene Ideen einsetze und für mich dadurch weiterführende Arbeitsbereiche und Verantwortlichkeiten entstehen, als sie anfangs vorgesehen waren. So muss Arbeit sein. Jetzt entspricht sie trotz noch immer greifenden kulturellen Unterschieden meinen Vorstellungen und lässt mich friedlich zu Bett gehen.

Zudem kam ich mit neuer Energie aus meinem Zwischenseminar zurück ins Projekt, die bis heute noch allen zu Gute kommt. Wir tauschten uns viel über unsere stark voneinander unterscheidenden Leben und Arbeitsstellen aus und den dazugehörigen Erfahrungen. Bei Bedarf konnte auch Rat in der Gruppe gefunden werden. Doch am angenehmsten war es, dass ich in Einzelgesprächen viel über die anderen erfuhr und gleichzeitig meine eigene Zeit als entwicklungspolitischer Freiwilliger reflektieren konnte. Dabei fielen mir viele professionelle Aspekte auf, die ich verstärken oder ändern wollte. Im Zuge dessen bemerkte ich erneut Unterschiede der Arbeitstechniken und Grenzen meiner Arbeit.

Am Ende meines zweiten Quartales erhielt ich eine E-Mail von YAP-CFD, in der mir mitgeteilt wurde, dass sich die Bundesregierung dazu verpflichtet hat ihre Entwicklungshilfe von momentanen '0.35 Prozent auf ganze 0.7 Prozentpunkte ihre Wirtschaftskraft' aufzustocken. Im ersten Moment freut mich dies sehr zu hören. Denn aus weltweiten Nachrichten, Erzählungen meiner Mitmenschen und meinen eigenen Erfahrungen weis ich sehr gut, wie sehr verschiedene Länder unserer Welt Unterstützung benötigen. Durch Kolonialisierungsprozesse und noch immer beeinflussende kapitalistische Marktstrukturen fällt es vielen Ländern dieser Erde schwer, sich aus ihren z.T. eingefahrenen Positionen und internationalen Abhängigkeiten selbstständig heraus zu manövrieren. Doch stellt sich für mich die Frage, ob dies mit einem noch größeren Übermaß an unausgebildeten jungen Freiwilligen geschehen kann. Auch in unserem Zwischenseminar stellten wir fest, dass unsere Arbeit kleinste Früchte trägt und dies auch nur bei großer Anstrengung. Wer diesen Dienst zu rein egoistischen Zwecken benutzen möchte, freut sich sehr über sein staatliches Teilstipendium. Veränderungen können über große Zeiträume hinweg gesehen werden.
Leider beherbergen viele mir bekannte Arbeitsstellen mehr Freiwillige, als sie an eigenem Personal beziehen. Wo bleibt da integrative Arbeit zum Nutzen der lokalen Bevölkerung? Bringen unerfahrene Freiwillige so einen großen Nutzen mit sich, als dass sie so monopolisiert eingesetzt werden sollten oder stellt das Geld einfach nur die Attraktivität dessen dar? Wazlawik schrieb in seinem Buch „Die Anleitung zum unglücklich sein“, dass „mehr des selben“ nicht zwingend einen höheren Erfolg mit sich bringt. Auch muss die Art und Weise betrachtet werden. Denn einer im Internet kurierender Scherz besagte, dass das BMZ fürs kommende Jahr alle weltwärts-Stellen mit sofortiger Wirkung gestrichen hat, da die Unnützlichkeit und Fehleinsetzung von Freiwilligen ihre Finanzierung nicht mehr rechtfertigen könne.  Natürlich stellt dies eine Extremposition dar. Doch erzählt sie auch ein Stückchen Wahrheit, die sehr genau evaluiert werden muss, bevor deutsche Ministerposten wohltätig kundtun, welche Fürsorge Deutschland für andere Länder übrig hat. Da in unserem momentanen wirtschaftlichen System beständig eine Kosten-Nutzen-Rechnung erstellt wird, sollte dies auch in diesem Bereich erstellt werden.

Ich möchte hiermit nicht ausdrücken, dass entwicklungspolitische Freiwillige keinen Nutzen bringen, denn schließlich merke ich jeden Tag, welche Veränderungen und Unterstützungen ich täglich in meiner Arbeit erwirken kann. Ansonsten wäre ich auch äußert unzufrieden. Wie in meinem professionellen Leben auch spielt affektive Evaluierung eine Schlüsselrolle.

Montag, 7. März 2011

Proteste


Kapitalismus in Verbindung mit Globalisierungsstrukturen birgt bekanntermaßen nicht gerade die Sicherheit vorm Herrn. Preisschwankungen durch aberwitzige wirtschaftliche Prozesse stehen an der Tagesordnung. Kürzlich erklärten mir einige Menschen, wie damit wiederum auch noch Geld „verdient“ werden kann: Mensch muss an den Aufstieg sowie Untergang unterschiedlicher wirtschaftlicher Sektoren glauben, darauf sogar hoffen. Nichts desto trotz kenne ich aus Deutschland stabile Preise. Seid meiner Grundschulzeit kaufe ich im Supermarkt Cerealien für den gleichen Preis. Ich komme aus dem Urlaub wieder und finde noch immer die gleichen Preise zu den jeweiligen Gütern. Auf dem anderen Teil der Erde, der Kehrseite des erstaunlicherweise anerkannten Wirtschaftssystems sieht die ganze Sache wesentlich anders aus.

Ich habe mit Absicht noch nicht vorher darüber berichtet, um abzuwarten, was noch alles auf die bolivianische Bevölkerung zukommt. Doch jetzt kommt ein kleiner chronologischer Abriss. Nach Weihnachten beschloss der bolivianische Präsident Evo Morales die Subvention des Benzinimportes mit einem Schlag einzustellen. Da Bolivien reichliche Gasvorkommnisse aufweisen kann, hat sich die Gesellschaft stark auf deren Nutzung eingestellt. Viele Autos besitzen schon seid langer Zeit Gasmotoren, über die in Deutschland noch diskutiert wird. Die Menschen dieses Entwicklungslandes haben es sogar geschafft, in ihre Autos ein für mich unerklärliches System einzubauen, welches ihnen erlaubt, während der Fahrt zwischen Gas- und Benzinzufuhr zu wechseln. Leide kann das nur in PKWs vorgefunden werden. Alle großen Fahrzeuge, die für Ferntransporte verwendet werden (die einzige Zugverbindung befördert hauptsächlich Touristen, der Rest rollt über die Straßen), benutzen nachwievor Benzin. Eigene Erdölvorkommnisse wurden in Bolivien noch nicht gefunden, weswegen diese komplett importiert werden. Da Bolivien in Lateinamerika mit zu den günstigsten Ländern zählt, wären die ausländischen Benzinpreise für die hiesigen Menschen nicht bezahlbar. Somit subventioniert die Regierung den Import um fünfzig Prozent. Dies nutzen die Nachbarstaaten, indem sie ihr ursprüngliches Benzin reimportieren, legal und illegal. Bolivien kauft dieses dann erneut wieder ein und belastet seine Wirtschaft extrem. Deswegen wurde die Unterstützung über Nacht eingestellt. Der Benzinpreis verdoppelte sich also schlagartig.

Am nächsten Tag fuhren kaum noch Verkehrsmittel, auch im öffentlichen Transport sah es mager aus. Die Menschen empörten sich sofort, schimpften und der Nahverkehr nutzte es aus, indem sie das Transportgeld mit dem Argument des Benzinpreises verdoppelten, obwohl sie natürlich mit Gas fuhren und sich an dem Preis nichts geregt hatte. Zur Folge stiegen auch die Lebensmittelpreise an, denn diese werden schließlich in LKWs befördert. Einige Banausen bunkerten auch ihre Produkte, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen, wenn sie einen höheren Preis rechtfertigen können. Gleichzeitig bestand ebenso die Befürchtung einer Lebensmittel Knappheit wie zu den Zeiten des Wasserkrieges, weswegen auch Güter zurückgehalten wurden. Die Opposition brachte am gleichen Tag das Gerücht in die Welt, dass am Abend alle Banken für unbestimmte Zeit geschlossen werden, so wie vor Jahren in Argentinien. Dementsprechend ließen die Menschen ihre Abreit liegen und hoben all ihre Ersparnisse ab. Stundenlange Schlangen bildeten. Die Banken standen vor einem Chaos. Evo Morales entsandt sofort eine Videobotschaft an alle öffentliche Fernseher, um der Panik entgegenzuwirken. Für die nächsten Tage kündigten sich Demonstrationen sowie Blockaden aller Zufahrtsstraßen Cochabambas. Nicht nur für mich viel damit die Arbeit aus, da zeitgleich die Taxifahrer als einziges Transportmittel unglaubliche Preise verlangten. Sowieso könnte sie es niemand leisten, den ganzen Tag mit Taxi unterwegs zu sein. Über den Jahreswechsel wurde die Subvention wieder eingesetzt (der Benzinpreis sank fast aufs alte Niveau) und alles beruhigte sich kurzzeitig wieder.

Nichts desto trotz stiegen einige Preise weiterhin unaufhaltsam an. Vor allem kann dies am Zucker bemerkt werden. Am Jahresanfang 2010 kostete der Sack ca. 150Bs. Während des Jahres stieg der Preis gering an. Im vierten Quartal erlebte er jedoch einen starken Aufwind, was seinen Höhepunkt um den Jahreswechsel herum fand. Allein in diesen zwei Wochen stiegt der Preis zwei Mal an, insgesamt um über 100Bs, was den Preis auf jetzige 480Bs pro Sack bringt. Miete eines kleinen Zimmers in einer gefährlichen Gegend liegt um 300Bs, ein geringer Monatslohn (wie z.B. in der Fundación) bei 1500Bs. Hier muss sich jetzt verdeutlicht werden, für was alles Zucker verwendet wird. Mir kommt es so vor, als ob er überall drin steckt. Zudem verwenden ihn die Bolivianer im deutschen Maßstab unglaublich viel mehr, wodurch viele Preise anstiegen.

Die Chauffeure des Nahverkehrs reklamieren jetzt, dass sie mit ihrem Gehalt ihre Familien nicht mehr unterhalten können. Seid einem Jahrzehnt sind die Transportpreise trotz sonstigen Preiserhöhungen nicht angestiegen. Jetzt sei ein Limit erreicht, an dem sie ihre Familien in Gefahr sehen. Der Mindestlohn liegt unter 1000Bs und sie verdienen um die 2500Bs monatlich, müssen sich zudem mit 1500Bs in die Linien des Nahverkehrs einkaufen und ihr eigenes Auto mitbringen. Privat rollt natürlich noch ein anderes Flitzer über den Asphalt, bestätigte mir neulich ein Fahrer. Allzu schlecht geht es ihnen mit ihrem mittelmäßigen Lohn nicht. Trotzdem wollen sie den Fahrtpreis von 1,50Bs auf 2Bs anheben. Dies macht den Unterschied von einem Brötchen oder halben Liter Wasser aus. Da ich an einem Tag an zwei verschiedenen Orten arbeite und zwischendurch umsteigen muss, bezahlte ich somit täglich 2Bs mehr (monatlich ca. 55Bs). Dies ist für viele Menschen mit einem Geringeinkommen unmöglich aufzubringen, weswegen die Regierung nach kurzer Zeit der Freiheit, in der die Buslinien eigene Preise festgelegt hatten, mit Repressionen reagierte.

Plötzlich liefen verschiedene Bewegungen durch die Innenstadt. Die Chauffeure, um die Preise anheben zu dürfen, und deren Gegner, deren Geldbeutel dies nicht verkraften würde. Aus Erfahrungen heraus ist bekannt, wie sehr das städtische Leben vom Nahverkehr und den Zufahrtsstraßen abhängt, weswegen ein Totalstreik der Trufi und Micro eingelegt wurde. Zunächst nur zum Mittag- oder/und Morgenverkehr. Später fuhren nur noch vereinzelt Busse. Da die Regierung stur auf ihrem Kurs blieb, fuhr schließlich gar nichts mehr. Zufahrtsstraßen sowie Brücken und Innenstadt wurden blockiert. Zudem zogen beständig Demonstrationen durch die Innenstadt.

Zufällig sah ich den einen Tag einen Protestmarsch vorm Rathaus. Viele Menschen standen rum, unterhielten sich, ließen Feuerwerkskörper in die Luft steigen und warfen die Überreste sowie sonstigen Müll in das Lagerfeuer vor der Tür des Rathauses. Die Polizei stand in Reihe davor, vereinzelt mit Schild, Helm oder Gasmaske ausgerüstet. Selten konnte ich Rufe oder gar Sprechchöre erhaschen. Mir kam das Ganze sehr ruhig und friedlich vor. Komplett anders als in Deutschland. Ca. tausend Menschen wurden von vielleicht 20 Polizisten betreut, die viel verstrichener Zeit das Lagerfeuer ohne Protest löschte.

Durch die Blockaden, Märsche und fehlenden Verkehr konnte, musste und durfte (aus Sicherheitsgründen) einige Tage nicht arbeiten, sowie viele andere Menschen auch. Tourismus sowie Lebensmitteltransport war kurzweilig unmöglich. Die Innenstadt wirkte ohne all die Arbeiter wie ausgestorben. Obwohl, die Demonstration sorgten für ein anderes Bild von Leben.

Nachwievor ist die Situation nicht geklärt. Zumindest fahren alle Busse wieder, zeitweilig weniger frequentiert. Ich denke, dass dies mit dem Karneval zu tun hat, weswegen der öffentliche Druck aus der Bevölkerung ausreichend groß ist, dass vorerst pariert wird. Zeitgleich finden weiterhin Aufmärsche statt, die den öffentlichen Verkehr behindern aber auch bedrohen. Dies erklärt sich so. Während Blockaden fuhren trotzdem versteckt einige Trufis oder es bildeten sich Sammeltaxis z.B., was offensichtlich gegen die Idee eines Totalstreiks geht. Dadurch zerstachen aufgebrachte Chauffeure reifen oder zerstörten Fensterscheiben. Deswegen geben die Linien Warnung raus, wenn Demonstrationszüge durch die Stadt streifen. Dementsprechend verdünnt sich der öffentliche Verkehr damit.

Nicht nur ich, sondern alle Menschen warten gespannt, wie sich die Situation weiterentwickelt bzw. löst.

Donnerstag, 3. März 2011

triste


Schon oft wurde ich in E-Mails oder Telefonaten gefragt, wie es mir denn wirklich ginge. Aus weiser Kenntnis war vielen anscheinend bewusst, dass ich hier eher weniger über meine Gefühlslage schreiben werde. Nicht aus einem großen Bedürfnis oder gar bedrohlicher Schieflage heraus möchte ich dem entgegenwirken.
Oft überrascht es mich selber, was in mir vorgeht und woher diese Regungen rühren. In meinem Zwischenseminar in Quito, auf welchem ich vor kurzem erst war, erzählten viele in ihrer Gefühlskurve, dass sich ihre Gemütslage drastisch mit der einsetzenden Regensaison herabsetzte. Verstehen konnte ich das zu dem Zeitpunkt kaum. Durch den globalen Klimawandel hat sich die nasse Jahreszeit in Bolivien um ganze DREI Monate verschoben, weswegen ich erst nach meiner Rückkehr Anfang Februar täglich begossen wurde. Durch politische Höhepunkte, von denen ich in meinem nächsten Eintrag berichten werde, und kurzer Krankheitsphase (der Arzt meint, dass ich durch schlechte Lebensmittel temporär erkrankte) kam es zusätzlich dazu, dass ich mehrere Tage in meiner Wohnung verbrachte. Durch beständigen Regen musste ich jedoch in meinem kleinen Zimmer bleiben.
Obwohl ich noch zu Begin des zweiten Monats des Jahres vollauf begeistert von meinem bolivianischen Leben berichtete, fühlte ich mich in letzter Zeit niedergeschlagen. Kaum freute ich mich noch über die kleinen Dinge des Lebens. Selbst mein Lachen verschwand kurzzeitig. Vieles erschien mir einerlei. Pure Monotonie stumpfte mich ab. Schon oft durchlief ich solcherlei Zeiten, entwickelte über die Jahre Strategien diese zu überwinden. Doch irgendwie sollten diese nicht funktionieren. Da wir seit vier Wochen kein fließendes Wasser haben, konnte ich nicht einmal duschen oder mir Kaffee sowie leckeres Essen zubereiten. Filme ödeten mich an. Auch meine Lieblingsmusik von Tool sollte mich dieses Mal nicht beleben. Viel blieb in meinem Repertoire nicht mehr übrig, was mich noch weiter irritierte und deprimierte. Logischer Weise konnte ich da auch kaum noch Licht am Ende sehen. Nur meine Logik versprach mir, dass es irgendwann schon besser werden wird. Da Helena selbst auf Reisen ist, blieb mir nur die Gesellschaft von Johannes, welche mich nicht wirklich aufmuntern konnte. Sie bewirkte das Gegenteil. Mein geliebtes Heim, welches ich gerne zur Erholung aufgesucht hatte, verbreitete eine ungemütliche Stimmung. Also entschloss ich mich, mich so viel wir nur möglich außerhalb aufzuhalten, mich mit Freunden zu treffen. Doch Magenschmerzen und Durchfall sowie Regen setzten da klare Grenzen. Hinzu kommt meine negative Gemütslage, die es mir kaum erlaubte, mich ganz platt gesagt zu vergnügen. Ich bin wirklich froh bolivianische Freunde zu haben, doch ist es nicht das gleiche, wenn ich mich mit meinen berliner Freunden treffe. Auch wenn ich mich schon sehr an die hiesige Kultur gewöhnt habe, sind Treffen nicht ganz so erholsam und beruhigend wie in der Heimat. Der Strudel dreht sich also weiter. Um mich eigentlich abzulenken, verlasse ich mein Haus und schaffe es doch nicht. Immer öfter dachte ich daran, wie angenehm es doch wäre, ein Bier in den tollen berliner Kneipen sowie einen Kaffee mit Freunden zu genießen. Natürlich mache ich solcherlei Dinge hier auch. Mehrere Jahre Freundschaft bewirken aber einfach ein wesentlich aufbauendes sowie erholsameres Verhältnis. Wenn ich mit mir selbst nur noch wenig klar komme, hilft es mir sehr gut, die behutsamen Fänge von Freundschaften aufzusuchen. Doch noch wirken diese hier nicht allzu nachhaltig, weswegen ich just genauso niedergeschlagen in mein nasses, ungemütliches Heim zurückkehrte.

Für all die besorgten Seelen möchte ich hinzufügen, dass ich heute während einem vollen und einnehmenden Arbeitstag in Sonnenstrahlen gebadet wurde. Welche Auswirkungen dies haben kann! Ich fühle mich wesentlich besser, habe diese bedrückende Haube anscheinend abgelegt, wodurch frischer Wind meine tristen Hirnzellen belebte. Hoffentlich bleibe ich in diesem Fahrtwind noch eine ganze Weile.

Sonntag, 20. Februar 2011

Peru III

Recht frühzeitig wurde klar, dass wir aus finanziellen Problemen Flors nicht zu ihrer Großmutter fahren könnten, jedoch aber zu ihrer Tante nach Huacho. Dies verschob sich jedoch täglich immer weiter nach hinten, weswegen ich mehr Tage in Huancayo verbringen sollte. Obwohl mir die Gegend gut gefällt, hatten wir uns bereits alles angeschaut, was auf die Stelle unkompliziert und mit unseren unterschiedlichen Ansprüchen entdeckt werden konnte. Natürlich gefiele es mir einen Rucksack zu packen und in die Natur hinein zu spazieren. Mehrstündige Ausflüge gefallen mir sehr gut, jedoch bloß mir. Deswegen kam mir der Gedanke, dass ich auch schon einen Tag vorher nach Lima zurückfahren kann und mir diese weltbekannte Hauptstadt anschauen kann. Von dort fahren wir eh weiter nach Huacho. Ich sprach das alles mit Flor ab und setzte mich über Nacht in den Bus. In aller Früh schmeckten mir die warmen refrescos aus leche de soya oder Quinua sehr gut. Am Vortag hatte ich mir noch schnell im Internet vier Teile einer Stadtkarte ausgedruckt und ungefähr markiert, wo ich empfohlene Hostals finden kann. Da ich aus meinem vorherigen Besuch wusste, dass sich Taxifahrten stark auf den Geldbeutel schlagen, zog ich es zunächst vor, zu Fuß in der Nähe nach Unterkünften zu suchen. Dies erleichterte auch, dass ich am folgenden Morgen Flor um 7 Uhr im Busbahnhof träfe. Diese Idee zog sich soweit hin, dass ich irgendwann die Sinnlosigkeit dessen bemerkte, da ich bereits drei Stunden unterwegs war und sich das Meer in greifbarer Nähe befindet. Los geht´s!

Die Kueste Limas
Dort machte ich eine Pause und goss die Pflanzen in dieser unglaublich reichen Wohngegend. Leute joggten, zogen Runden auf ihrem Fahrrad oder Hund -in Bolivien streifen einfach nur tonnenweise Straßenköter durch die Straßen- und entflogen in einem motorbetriebenen Fallschirm. Größer können Unterschiede kaum sein. In Cochabamba werde ich beständig von wirklich verarmten Familien angebettelt und hier pusten die Menschen ihr scheinbar überflüssiges Geld in die Luft. Schnell weg hier. Ich suchte mir einen Weg entlang der Küste in das bekannte Stadtviertel miraflores, wo ich mir eine Schlafmöglichkeit eingezeichnet hatte. Doch der Eindruck wurde nicht besser. Spielplätze mit Plastikgeräten, unnatürlich gleichmäßigem Rasen und Eltern, die unter höchster Vorsicht auf ihre Kinder aufpassen, damit sie sich nicht auf dem weichen Kunstboden weh tun. 

Spielplatz in Lima

Der erste Mc Donald´s nach fast einem halben Jahr brachte mich mit den dazugehörigen Menschen, die hetzend zu ihren modernen Autos telefonierend rannten und sich durch die Sicherheitsvorkehrungen (an jeder zweiten Ecke steht eine Mensch vom Sicherheitsdienst und viele Straßen- bzw. Häuserstücke werden per Kamera gefilmt) fast dazu schreiend wegzurennen. Doch verdient das Viertel seinen Namen mit der Sinngenmäßen Übersetzung „schau dir die Blumen an“ zu Recht seinen Namen. Unglaubliche viele Gärtner müssen angestellt sein, um alle dies Kunstbäume und Blumen zu pflegen.

miraflores
Doch nach einen sechsstündigen Marsch überredete mich meine Lust mich endlich zu duschen dazu, in dem nächst besten Hostal ein Bett zu beziehen. Auch wenn mir zum Frühstück ein frisch gepresster Orangensaft und zwei Brötchen angeboten wurden, die mir außerhalb der vorgesehenen Zeit serviert wurden (ich musste mich sehr früh mit Flor treffen), überzeugte mich der im Vergleich zu Huancayo verdreifachte Preis wenig. Was ich in Bolivien kaufen kann, bekomme ich hier zur gleichen Zahl angeboten, obwohl ein Soles zu 2,5 Bolivianos gewechselt wird. Der warme Wasserschwall tat jedoch sehr gut. Ich endschied mich Richtung Norden zu laufen und durchstreifte auf meinem Weg verschiedenste Stadtbezirke.

Schuputzerstand
Ahnungslos lief ich sogar durch la victoria, was im Reiseführer (den muss Mensch dazu natürlich besitzen) als für Touristen nicht betretbaren Landfleck ausgeschrieben wird. Endlich bekannte Bilder: kaputte Häuser, die halb fertig gebaut wurden, Obdachlose und vor Schweiß triefende Arbeiter. Als einziger Weißer viel ich natürlich auf. Diese starke Aufmerksamkeit wurde mir jedoch irgendwann so unwohl - Lima gilt schließlich als gefährliche Stadt-, dass ich mit einem Taxi davonbrauste. Auch wenn ich nicht wirklich viel dabei hatte, wollte ich es vermeiden, erneut ausgeraubt zu werden. Schokolade essen bereitet mir mehr Freude. Mir war dabei egal, dass mich der Taxifahrer rücksichtslos übers Ohr haute. Meine Müdigkeit vom vielen Laufen wies mich an, in Bezirke zu gehen, in denen ich wesentlich ruhiger daher laufen konnte. Im historischen Stadtviertel fand ich alte Gebäude, die mich an die Museumsinsel in Berlin erinnerten.

barrio historico
Wie sind die überhaupt hierher gekommen? Das gehörte für mich bis dato alles eher nach Europa. In meiner kleinen Pause vorm Palast sprachen mich vier verschiedene Menschen an, die mit mir entweder zu einer Reggeafete oder ein Bier trinken gehen wollten. Auf meine höfliche Ablehnung kamen sie zum Punkt und boten mir Drogen zu angeblich günstig Preisen an. Sicherheitspersonal wies mich sogar darauf hin, dass ich mich von solchen Menschen fernhalten soll. Lustig war, dass mich der Mann auf Englisch fragte, welche sprachen ich spreche. Ich antwortete ihm auf Spanisch, dass es am besten wäre, wenn er mit mir auf Spanisch redet. Den Hinweis hörte ich mir dann aber trotzdem auf der Weltsprache an. Der permanent hiesige und stets betreute Wasserwerfer und Maschinenpistolenwagen bewachten diese trächtigen Gebäude. Ein kleines Stück ging ich wieder zurück gen Süden und fuhr mit dem Bus zurück zu meiner Unterkunft. Die zwölf Stunden zu Fuß merkte ich sehr, als ich mir meine Suppe kochte.




Am nächsten Morgen wartete ich im Busunternehmen auf Flors Ankunft. Leider kam sie nie an, weswegen ich das nächste Internetcafé aufsuchte und sie mir am Telefon sagte, dass sie auch im Warteraum von denen sitzt. Bei dieser Gelegenheit fand ich heraus, dass mich der Taxifahrer auf der Hinfahrt abgezogen hat. Er brachte mich einem Preis, der mich zu dem zweiten Büro des Reiseunternehmens bringen sollte, zu dem, welches um die Ecke lag. Deswegen dachte ich natürlich, dass es nur dieses gab. Schleunigst fuhr ich mit dem Bus zu Flor.

mercado en Huacho
Huacho ist eine kleine Stadt am Meer, die nur zwei Stunden von Lima gen Norden entfernt liegt. Diese kleine süße ausgetrocknete Stadt wird durch diese Meeresbriese angenehm belebt. Wir suchten mir ein Bett zu günstige Konditionen im Zentrum und fuhren dann zu ihrer Tante. Nach unserem kleinen Ausflug zum Strand genossen wir kühle Biere in den Bars der Stadt, welche in Deutschland höchstwahrscheinlich als Dreckloch geschlossen werden. Im oberen Stockwerk wurden die Holzplatten schwarz angemalt und durch das einfallende Licht der Straßenlaternen beleuchtet. Ich weis nicht, wer da noch mit mir ein leckeres cusqueña genoss.
Cebiche
Am nächsten Tag aßen wir die nächste peruanische Spezialität: Ceviche. Dies ist ein Teller mit verschiedenen rohen Fischsorrten und einer nährreichen Fischsuppe. Die Meeresbewohner werden nur Sekunden in kochendes Wasser und danach in Limone getaucht, was dem Essen den erfrischenden Charakter verleiht. Mit ihrer Cousine fuhren wir zu einem etwas abgelegenen Strand, an dem Fischer zwischen den Felsspitzen und aufspritzenden Wellen ihre Angelesene auswerfen und auf Fang warten. Sie erzählten mir, dass es ganz in der Nähe einen Strand Namens acapulco gäbe, der nur aus Steinen besteht.


Angetrieben von meinem Kindheitswitz: „ Wo liegt das denn? Na hinter Acapulco!“ wollte ich unbedingt dort hin. Auf dem Weg lernte ich erneut, was den Unterschied von einer Kleinstadt zu dieser anonymen Metropole Berlin ausmacht. Die Cousine unterhielt sich die ganze Fahrt über mit dem Taxifahrer, war schließlich ein Kumpel und später mit der Verkäuferin aus einem kleinen Laden. Ich hatte jedoch Schwierigkeiten diesen Unterhaltungen zu folgen, ich fühlte mich wie in meinen ersten Tagen in Bolivien, da die Küstenbewohner das S verschlucken und wesentlich schneller sprechen. Acapulco zog mich eine ganze Weile in seinen Bann, da mich das durch die Wellen aufeinander prasselnden Steine Geräusch Prasseln verzauberte.

acapulco
Von dort liefen wir zu einem anderen Familienteil Flors, die jeden Tag ihre Ziegen auf noch nicht ausgetrocknete Weiden treiben. Diese wirklich netten und gesprächigen Leute boten mir in ihrer Hütte Milchreis aus Ziegenmilch an. Nach Dunkelheitseinbruch fährt hier jedoch nichts mehr motorisiert weg, weswegen wir einen langen Fußmarsch durch Felder antraten und eine Tante zu ihrem Haus zu der Nachbarstadt Huachos begleiteten. Schon den ganzen Tag über freute sich die Cousine auf den Besuch ihres Freundes und Vater ihres gemeinsamen Kindes aus Lima. Dieser mir wirklich suspekt vorkommende Neureiche einundzwanzig Jährige Bursche Telefonierte oder versuchte es zumindest die ganze Zeit, genauso wie er nicht auf einem Fleck stehen bleiben konnte. Sein Bruder tat es ihm gleich. Bei ihm zu Hause schenkte er mir unverständlicherweise eine Kette sowie zwei T-Shirts. Aus Höflichkeit konnte ich diese leider nicht ablehnen, denn meinem Geschmack entsprachen sie nicht. Flor erklärte mir, dass dies ein Zeichen für Gastfreundschaft sei. Aus meiner Brille heraus auch eines für Wohlstand. Zum Glück suchten wir früh unsere Domizile auf und entronnen somit dem unangenehmen Abend.

Ziegenfarm
Erneut stand mir eine dreitägige Rückreise an, die deswegen aber nicht langweilig wurde. Nach Lima unterhielt ich mich mit einem netten Geschäftsmann und verabschiedete mich aus der luftverschmutzten und für mich nicht in das Bild von Lateinamerika passende Metropole Lima. In Moquegua genoss ich in aller Ruhe direkt zwei refrescos zum Frühstück, bevor es nach Bolivien weiter ging. Dies musste ich jedoch im nächsten Bus bitter bezahlen. Ich wurde vor Schmerzen aus meinem gemütlichen Schlaf gerissen, in denen mich zuvor die zahlreichen Serpentinen gewogen hatten. Meine Blase platzte förmlich vor dem wirklich leckeren Getränk. Doch einen Liter vor einer achtstündigen Busfahrt binnen kürzester Zeit hinunter zu kippen zählt nicht zu der Liste weiser Taten. Gerade so schaffte ich es durch mentale Kräfte mich erneut in den Schlaf zu reden. Doch es half nichts, die Pinkelpause war bei weitem noch nicht in Sicht, ich musste mir also anders zu helfen wissen. Ich erinnerte mich an eine peinliche Geschichte einer anderen Freiwilligen, die ihren Durchfall in einer Tüte abladen musste, was bei der Entsorgen dieser furchtbar schief ging. Doch dies erschien mir als einzig möglich. Zum Glück saß ich alleine in meinem Doppelsitz, weswegen ich die Plastikhülle in meiner Hose installieren konnte und nach langem Zögern den Blasendruck darin auslassen konnte. Bei dem überfälligen Zwischenhalt sprang ich förmlich über die Köpfe der anderen Passagiere hinweg, um zum nächsten Baum zu gelangen. In der Prärie stehen diese jedoch selten rum, war mir aber egal. Erleichtert konnte ich mir auf der Fahrt nach La Paz das Volksfest in Mitten des Nirgendwo beim Vorbeifahren anschauen. Viele Menschen sind mit trufis und ihrer traditionellen Kluft aufgelaufen und schauten den Tanzpaaren zu oder tranken abseits ihr Bier in einer kleinen Runde.

fiesta boliviana
Zurück in Cochabamba führ ich mit den wahrscheinlich ersten morgendlichen trufis zu mir nach Hause und genoss bei einem Kaffee, wie die Stadt langsam den Morgentau durchstoß und ihre Arme gähnend reckte.