Wo wollen wir hin, was wollen wir eigentlich erreichen? Wozu der ganze Spaß, die Anstrengung und Aufregung? Von diesen Antworten hängt sehr viel ab. Auf institutionellem Niveau bedeutet dies viel Verantwortung und Verantwortung. Denn es müssen Schritte, Zwischenziele, Methoden und Strategien entwickelt werden, um am Ende alles zu erreichen, was sich vorgenommen wurde. Doch was erreichen wir, wenn wir den Straßenkindern Kleidung, Essen, Medizin geben? Wobei hilft ihnen das? Es wird viel Geld aus Europa und Nordamerika mobilisiert und darin investiert, dass es ihnen für den Moment gut geht. Weiter nichts! Gutherzigkeit ist gut gemeint und immer notwendig, wenn wir mit den Straßenkindern arbeiten. Schließlich haben sie in ihrem Leben schon genug gelitten, dass muss nicht noch ausgebaut werden. Die Realität sieht jedoch so aus, dass sie sich in ihrem Lebensumfeld so weit es geht so einrichten, dass es ihnen halbwegs gut geht. Wenn dann NGOs antanzen und all ihre Nöte und Wünsche abdecken, gewöhnen sie sich daran so gut, dass sie sich praktisch einen Wochenplan erstellen, wann sie wo was bekommen oder abstauben können. Natürlich reicht die ihnen angebotene vermeintliche Hilfe nicht komplett aus. Sie müssen am Ende immer noch arbeiten und leiden tagtäglich weiterhin, doch Veränderungen werden nicht generiert. Deswegen muss die Frage, was erreicht werden soll immer mitschwingen. Schließlich haben wir uns diese Verantwortung z.T. übertragen. Mit reinen Geschenken und Dienstleistungen werden sie die Straße jedoch nicht verlassen. Sie bleiben dort, weil sie alles nötige haben oder beschaffen können und somit die Notwendigkeit einer Veränderung des Lebensstil unwichtig wird. Laut etlicher nationaler und internationaler Studien arbeiten ca. 120 Organisationen mit den Straßenkindern Cochabambas, doch nur ca. 2 arbeiten wirklich daran, Veränderungen zu generieren. Zum Glück zählt die Fundacion Estrellas En La Calle mit dazu. Der Rest besucht die Gruppen, schießt Fotos, um mehr Geld aus dem Ausland zu beschaffen und/oder realisiert Aktivitäten, die dazu dienen, dass die Straßenkinder eine angenehme Zeit auf der Straße verbringen, doch immer mit dem Ziel oder Auswirkung, dass sie genau dort bleiben.
Natürlich benötigen sie medizinische Versorgung, um überhaupt die Ressourcen zur Veränderung aufbringen können. Die schließt aus Kleidung und Nahrungsmittel ein. Doch bemüht sich die Fundación immer, dies mit einer Motivationsarbeit zu verbinden. Dies will sagen, dass z.B. Essen nur angeboten wird, wenn bei den Aktivitäten partizipiert wird. In diesen versuchen wir, sie dazu anzuregen, dass sie über ihr eigenes Leben ernsthaft reflektieren, gewisse Dinge erlernen, die sie in einem anderen Leben(sstil) benötigen. Kleidung wird oft als Belohnung verwendet. Wer die Straße verlassen hat, kann sich komplett einkleiden z.B. Ärztebesuche sind da schon ein wenig schwieriger, doch zumindest kann die gemeinsame Zeit zu einem motivierendem Gespräch genutzt werden. Gleichzeitig verlangen wir oft, sofern es möglich ist, dass sie uns an einem bestimmten Punkt in der Stadt treffen, um zu sehen, wie sehr sie motiviert sind, die Verantwortung für ihr eigenes Leben anzunehmen. Beantragen wir mit ihnen ihren Personalausweis, dann wird das in diesem Prozess immer mit einem neuen Lebensplan verbunden. Wozu wird der Ausweis gebraucht? Z.B. um eine bessere Arbeit zu finden, Schulen oder Ausbildungen zu besuchen oder eine Wohnung zu mieten. Die Idee ist es, dass wir ihnen nichts schenken. Auch wenn sie uns den Gegenwert nicht zurückgeben können, müssen zumindest Anstrengungen ihrerseits und Zukunftspläne erkennbar werden. Dies wirkt oft kaltherzig und hart. Doch somit stellen wir sicher, dass sie uns nicht einfach nur ausnutzen und können in einzelnen Fällen Veränderungen bewirken oder vorbeugen, dass sich ihre Lebenssituation allzu sehr verschlechter.
Natürlich ist dieser Weg für sie wesentlich schwieriger als einfach nur Dienstleistungen anderer Organisationen anzunehmen, doch ich denke, dass die Resultate verdeutlichen, welcher Weg eingeschlagen werden sollte. Immer wieder bemerken wir jedoch die Auswirkungen der Arbeit anderer NGOs, die die Straßenkinder dort belassen, wo sie leben. Sie beschimpfen uns manchmal, warum wir ihnen nicht auch all die Dinge wie die anderen schenken, warum wir nur kommen, um sie zu belästigen, warum wir nicht einfach Aktivitäten durchführen können, ihnen dabei Essen und Kleidung geben und fertig, wozu dabei noch der restliche Mist? Um eben am Ende für eine bessere und nachhaltige Lebenssituation der Straßenkinder zu sorgen. Dies sollte unser aller Ziel sein und daraufhin müssen unsere Interventionen sowie Strategien ausgerichtet werden!
Samstag, 16. Juli 2011
Montag, 4. Juli 2011
puede pasar de todo
Schon zu Jahresbeginn hatte ich mit David eine Exkursion in die Natur, die nahegelegenen Berge Cochabambas geplant. Es sollte eigentlich nach Parque Tunari gehen, da ich dort selber schon einmal mit Freunden hochgestiegen bin und dieses Wochenende nur schwer vergessen kann. Es sollte der Abschluss einer Serie von Aktivitäten zum Naturschutz werden, die wir in Inti K’anchay durchführten. In den verschiedenen Aktivitäten besprachen wir die Verschmutzung, Schutz und Wiederverwertung von Wasser, (Plastik)Müll, Erde und Luft. All diese Aspekte wollten wir innerhalb eines Zweitagesausfluges spezifizieren. In einer Teamsitzung informierte uns jedoch Carlos, dass Parque Tunari momentan voll von Drogenschmuggel und Dieben sei. Um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, planten wir um und zielten nun Inka Rakay an. Auf diesem Berg befinden sich Inkaruinen, die jährlich am 21.Juni zum Sonnenaufgang besucht werden, um Neujahr der Aymara-Kultur zu feiern.
So wie ich die geliebten Jugendlichen kenne, werden sie sich trotz der tollen Exkursion beschweren, egal worüber. Deswegen beharrte ich darauf, dass wir die ganze Aktion mit ihnen zusammen planen und auch nur die mitnehmen, die auch wirklich wollen. Zudem können wir sie somit auch für den Ausflug verantwortlichen und ihnen just diese in einem abgesteckten Rahmen beibringen.
Wer mitkommen wollte, -während den Wochen zuvor sprachen wir schon mehrmals unsere Idee an- musste an der einzigen Versammlung teilnehmen. Hier präsentierten wir ihnen die Idee und besprachen gemeinsam mit ihnen, was bedacht und geplant werden musste. Sie taten sich äußerst schwer mit ihrer ungewohnten und hier z.T. ungewöhnlichen Verantwortung. Immer wieder erstaunten sie, wenn ich ihnen eröffnete, dass ich ihnen nicht alles vorkauen und erledigen werde. Vor allem das Essen musste geplant werden, aus praktischer als auch finanzieller Sicht. Denn das Projekt stellte uns aus finanziellen Schwierigkeiten nur eine klitzekleine Summe zur Verfügung. Das gewünschte Hühnchen, welches gegrillt werden sollte (für 14 Personen sollten es mindestens vier Kilogramm sein) steckte bei insgesamt 120Bs nur schwer drin, zumal 40Bs ja schon für Transportkosten draufgehen sollte. Somit kamen wir zu dem Schluss, dass jeder 5Bs dazugeben muss. Doch wie bereiten wir das Huhn vor Ort zu, wo es nur das gibt, was wir auch wirklich mitnehmen. Gleiches mit Reis. Hier konnte gut beobachtet werden, dass ihnen die Vorstellung für die Bedingungen vor Ort fehlten, weswegen sich die ganze Veranstaltung in die Länge zog. Doch am Ende war alles in Sack und Tüten. Kurzerhand teilte uns das Direktorium mit, dass wir nur mit den Mädels gehen könnten, wenn auch eine Betreuerin mitkäme. Somit wurde leider eine neue Kollegin der Fundación förmlich zu ihrem Glück gezwungen.
Am Samstagmorgen trafen wir uns in der Früh und fuhren nach kurzer Erklärung der grundsätzlichsten Regeln los: Alles läuft nach der Autorisierung des Teams, Sex, Drogen und Zigaretten sind verboten, Kameradschaft und Respekt sind gefordert. In Suticollo angekommen stiegen wir aus und teilten alle vom Präsidenten der Jugendlichen gekauften Lebensmittel unter allen auf und traten unseren 3 ½ h Marsch an. Stück für Stück stiegen wir hinauf, kamen zunächst an dem Dorf Sipesipe vorbei. Die 15km schlauchten viele sehr. Doch selbst die jüngsten (13 Jahre) schafften es. Sie lebten schließlich ein Abenteuer. Durch die Lebenssituation der Eltern bekommen sie eher nie die Gelegenheit, an solche Orte zu gelangen. Unterwegs bestaunten sie die Aussicht, aber gleichzeitig auch die Luftverschmutzung, die hier deutlich als braune Kappe über Cochabamba und Umland zu sehen ist.
Immer wieder fragten mich die Jugendlichen, wann wir denn nun unseren taller haben werden. Doch ich erklärte ihnen, dass nichts dergleichen geplant sei. Schließlich sind wir bereits mitten in der Natur, wozu also da noch groß eine Gesprächsrunde vorbereiten, wenn ich mich mit ihnen auch passend zu den einzelnen Situationen unterhalten kann. So weckte ich die Aufmerksamkeit eines Mädchens auf den Sonnenuntergang und wie dieser langsam in der Stadt als dunkler Schatten voranschreitet. Schlussendlich sahen wir dann auch die Luftverschmutzung durch all die Straßenlichter, die die Dunstwolke gelblich ausleuchtet. Ebenso fanden wir Plastikmüll auf dem Weg und besprachen schnell die Auswirkungen und Verantwortung der Menschen durch Nutzung von Plastik.
Nach einer kurzen Pause mit einem Happen Brot teilten wir uns auch schon wieder in drei Gruppen auf, zwei davon suchten Feuerholz und die letzte baute Zelte und Lager auf. Cochabamba wird zwar als Kornfeld Boliviens bezeichnet, jedoch sprüht nur das Tal vor Feuchtigkeit, die Berge sind recht trocken, vor allem Monate nach der Regenzeit. Dementsprechend konnten wir unter dem Krüppelgewächs nur kleinste Zweige finden. Zumal war ich mir sicher, dass bereits alles durchforstet wurde, um es am folgenden Montag an all die Ausflügler zu verkaufen, die zum indigenen Neujahr der Áymarakultur hier z.T. heraufsteigen werden.
Während David und Carlos mit dem mitgebrachten Grill fürs Hühnchen (es ist ein verhältnismäßig günstiger Luxus und wurde deswegen explizit von den Jugendlichen gewünscht) und der Zubereitung des Reis´ und der Kartoffeln beschäftigt waren, schnappte ich mir die kleinsten unter den Jugendlichen und lud sie zu einem weiteren Abenteuer ein. Auf der richtigen Spitze des Berges thronten so einige große Felsen, die wir jetzt heraufkletterten. Welch ein Spaß. Meine Kamera sollte, von ihnen eingefordert, diesen Moment verewigen. Wir fanden sogar eine Höhle, wo sie ohne meine Vorhut nicht hineingehen wollten. Ich zog Stück für Stück ihre letzten Energien heraus, schließlich sollten sie früh schlafen gehen, damit sie nicht zu sehr die nächtliche Kälte spüren und am nächsten Morgen mit dem Sonnenaufgang aufstehen. Die ersten Sonnenstrahlen erwarteten wir gegen 5 Uhr.
Nach Sonnenuntergang versammelten wir uns alle um das Lagefeuer herum und aßen in lustiger Gemeinschaft diese recht simple aber leckere Mahl, leider wären einige durch die Dunkelheit so sehr verängstigt, dass sie sich schnell erschraken und nicht ohne Begleitung und mehreren Taschenlampen das Licht verlassen wollten. Der Hunger treibt es rein, heißt es immer so schön. Normalerweise beschweren sie sich oder täuschen sogar Allergien oder Brechreize vor, wenn ihnen der Salat zu grob geschnitten ist, vor allem bei Zwiebeln. Doch hier oben forderten alle mehr Salat zu ihrem Reis, obwohl wir Zwiebeln und Tomaten einfach nur in große Scheiben geschnitten haben.
In der Vorbereitung haben wir extra gesagt: „puede pasar de todo“ (alles kann geschehen). Denn schließlich wollten wir in ein Abenteuer aufbrechen, gleichzeitig sorgt soetwas für mehr Spannung und Motivation. Am Ende behielten wir jedoch Recht, denn während die Jugendlichen überall Brennholz suchten, fanden sie etliche weiße, mit Gras bedeckte Kanister, die Benzin enthielten. Zum Glück sagten sie den Betreuern bescheid. Direkt schauten wir uns die Fundstelle an und fanden ca. 10 Kanister, von denen 8 mit Benzin gefüllt waren. Zusätzlich fanden wir einen Sack mit bereits gebrauchtem Kalk. Carlos war sofort klar, wofür das alles genutzt wird: Kokainherstellung. Da aber in zwei Tagen año nuevo Áymara (Neujahr der Áymarakultur) bevorstand, erklärten wird den Jugendlichen zunächst, dass das Benzin vielleicht schon hierhergebracht wurde, um später alle Lagerfeuer zu entzünden. Währenddessen rief eine Mitarbeiterin (die mehr oder weniger gezwungen wurde mitzukommen, da kein homogenes Team aus Männern mit weiblichen und männlichen Jugendlichen auf Exkursion gehen darf) ihren Bruder bei der Polizei, die für Drogenschmuggel spezialisiert ist an. Dadurch kam dann ein Anruf vom Coronel an, der uns versicherte zwei Zivilbeamte zur Inspektion vorbeizuschicken. Während des Abendbrotes tauchten schließlich zwei Beamten in Armeekleidung aus der Dunkelheit auf und baten uns sie zu der Fundstelle zu führen. Im Schlepptau bahnten sich weitere Soldaten ihren Weg durchs Gebüsch. Diese suchten umgehend nach Kokainfabriken, die sie 200m weiter entfernt fanden und mit dem gefundenen Benzin großzügig verbrannten. Dahin war´s mit unserem Ausflug zum Umweltschutz. Die gigantische Rauchwolke konnte selbst bei Dunkelheit nicht übersehen werden. Das restliche Benzin nahmen sie mit. Zudem fragten sie uns, ob die örtliche Dienststelle jemals bei uns angekommen sei, da sie die auch losgeschickt hatten, diese jedoch auf ihrem Rückweg gemeldet hatten, dass sie niemanden bei den Ruinen gefunden hätten. Wir waren aber mit Lagerfeuer nicht zu übersehen. In mehreren Anläufen besprachen wir mit den verantwortlichen Uniformierten, dass es aus Sicherheitsgründen für uns am besten sei, diesen Ort zu verlassen. Doch wollten sie uns keine Batterien für Taschenlampen, keine Taschenlampen dalassen, ebenso wenig uns in ihrem PickUp mitnehmen, nicht einmal die kleinsten und erschöpftesten. Sie könnten einen trufi hochschicken, sofern dieser sich dazu überreden lässt
Somit bauten wir alles rasend schnell ab, um nicht die Gefahr zu laufen, auf die Besitzer zu treffen, die bekanntermaßen regelmäßig ihre Verstecke kontrollieren. Da wir die einzigen weit und breit waren, gibt es da für diese Klientel nicht mehr viel zu besprechen. Zeugen dürfen nicht überleben. Zum Glück verstanden die Jugendlichen die Situation soweit, dass es ihnen auch lieber war, diesen Ort zu verlassen. Bei Vollmond stiegen wir ohne Taschenlampen herab, was sich für viele Jugendlichen als spannendes Abenteuer herausstellte. Im Kollegium teilten wir uns drei, die sich als überflüssig herausstellten, da wir durchs Mondlicht sehr gut sehen konnten. Unsere Kollegin trieb die Herde in ihrer Panik und den Auswirkungen ihre Periode bis ins Tal, wo die Polizei auf uns wartete. Denen wurde das Warten nach einer Stunde jedoch leid und zogen ab. Somit landeten wir schlussendlich in Sipesipe und schlugen die Zelte auf einem Fußballplatz neben einer chicheria (eine Art Kneipe) auf. Nach einem kleinen Happen ging es ab ins Bett, schließlich sind wir am Ende doch recht viel gelaufen.
Mit dem Sonnenaufgang hüpften wir aus den Betten, bauten zusammen, genossen unser Frühstück und liefen wie verkatert zum Dorfplatz. Unsere Kollegin hat sich in der Nacht ohne Notiz aus dem Staub gemacht, da es ihr nach ihrer Auskunft zu schlecht ging, um noch länger bei uns zu bleiben. Mit dem Auto ging es zurück in die Stadt, wo ich alle an verschiedenen Stellen absetzte und froh zu Hause meinen Kaffee genoss und mich vier Stunden lang nicht aus meinem Bett bewegt habe, nicht einmal zum Duschen. Die Entspannung und erlaubte Faulheit musste einfach her.
Am Montag fragten mich die Banausen direkt nach den Fotos und wann es auf die nächste Exkursion geht. Für die Jugendlichen war es ein wirklich tolles Erlebnis, für uns als Team auch, nur hielten wir danach drei Teamsitzungen, um unser Verhalten und das der Polizei zu reflektieren.
So wie ich die geliebten Jugendlichen kenne, werden sie sich trotz der tollen Exkursion beschweren, egal worüber. Deswegen beharrte ich darauf, dass wir die ganze Aktion mit ihnen zusammen planen und auch nur die mitnehmen, die auch wirklich wollen. Zudem können wir sie somit auch für den Ausflug verantwortlichen und ihnen just diese in einem abgesteckten Rahmen beibringen.
Wer mitkommen wollte, -während den Wochen zuvor sprachen wir schon mehrmals unsere Idee an- musste an der einzigen Versammlung teilnehmen. Hier präsentierten wir ihnen die Idee und besprachen gemeinsam mit ihnen, was bedacht und geplant werden musste. Sie taten sich äußerst schwer mit ihrer ungewohnten und hier z.T. ungewöhnlichen Verantwortung. Immer wieder erstaunten sie, wenn ich ihnen eröffnete, dass ich ihnen nicht alles vorkauen und erledigen werde. Vor allem das Essen musste geplant werden, aus praktischer als auch finanzieller Sicht. Denn das Projekt stellte uns aus finanziellen Schwierigkeiten nur eine klitzekleine Summe zur Verfügung. Das gewünschte Hühnchen, welches gegrillt werden sollte (für 14 Personen sollten es mindestens vier Kilogramm sein) steckte bei insgesamt 120Bs nur schwer drin, zumal 40Bs ja schon für Transportkosten draufgehen sollte. Somit kamen wir zu dem Schluss, dass jeder 5Bs dazugeben muss. Doch wie bereiten wir das Huhn vor Ort zu, wo es nur das gibt, was wir auch wirklich mitnehmen. Gleiches mit Reis. Hier konnte gut beobachtet werden, dass ihnen die Vorstellung für die Bedingungen vor Ort fehlten, weswegen sich die ganze Veranstaltung in die Länge zog. Doch am Ende war alles in Sack und Tüten. Kurzerhand teilte uns das Direktorium mit, dass wir nur mit den Mädels gehen könnten, wenn auch eine Betreuerin mitkäme. Somit wurde leider eine neue Kollegin der Fundación förmlich zu ihrem Glück gezwungen.
Am Samstagmorgen trafen wir uns in der Früh und fuhren nach kurzer Erklärung der grundsätzlichsten Regeln los: Alles läuft nach der Autorisierung des Teams, Sex, Drogen und Zigaretten sind verboten, Kameradschaft und Respekt sind gefordert. In Suticollo angekommen stiegen wir aus und teilten alle vom Präsidenten der Jugendlichen gekauften Lebensmittel unter allen auf und traten unseren 3 ½ h Marsch an. Stück für Stück stiegen wir hinauf, kamen zunächst an dem Dorf Sipesipe vorbei. Die 15km schlauchten viele sehr. Doch selbst die jüngsten (13 Jahre) schafften es. Sie lebten schließlich ein Abenteuer. Durch die Lebenssituation der Eltern bekommen sie eher nie die Gelegenheit, an solche Orte zu gelangen. Unterwegs bestaunten sie die Aussicht, aber gleichzeitig auch die Luftverschmutzung, die hier deutlich als braune Kappe über Cochabamba und Umland zu sehen ist.
Immer wieder fragten mich die Jugendlichen, wann wir denn nun unseren taller haben werden. Doch ich erklärte ihnen, dass nichts dergleichen geplant sei. Schließlich sind wir bereits mitten in der Natur, wozu also da noch groß eine Gesprächsrunde vorbereiten, wenn ich mich mit ihnen auch passend zu den einzelnen Situationen unterhalten kann. So weckte ich die Aufmerksamkeit eines Mädchens auf den Sonnenuntergang und wie dieser langsam in der Stadt als dunkler Schatten voranschreitet. Schlussendlich sahen wir dann auch die Luftverschmutzung durch all die Straßenlichter, die die Dunstwolke gelblich ausleuchtet. Ebenso fanden wir Plastikmüll auf dem Weg und besprachen schnell die Auswirkungen und Verantwortung der Menschen durch Nutzung von Plastik.
Nach einer kurzen Pause mit einem Happen Brot teilten wir uns auch schon wieder in drei Gruppen auf, zwei davon suchten Feuerholz und die letzte baute Zelte und Lager auf. Cochabamba wird zwar als Kornfeld Boliviens bezeichnet, jedoch sprüht nur das Tal vor Feuchtigkeit, die Berge sind recht trocken, vor allem Monate nach der Regenzeit. Dementsprechend konnten wir unter dem Krüppelgewächs nur kleinste Zweige finden. Zumal war ich mir sicher, dass bereits alles durchforstet wurde, um es am folgenden Montag an all die Ausflügler zu verkaufen, die zum indigenen Neujahr der Áymarakultur hier z.T. heraufsteigen werden.
Manchmal liebe ich das Wirtschaftssystem Boliviens: Es wird immer an verschiedensten Orten das passende verkauft. Die Armut ließ die Menschen erfinderisch werden und überlegen, was wo gut angebracht werden kann.
Während David und Carlos mit dem mitgebrachten Grill fürs Hühnchen (es ist ein verhältnismäßig günstiger Luxus und wurde deswegen explizit von den Jugendlichen gewünscht) und der Zubereitung des Reis´ und der Kartoffeln beschäftigt waren, schnappte ich mir die kleinsten unter den Jugendlichen und lud sie zu einem weiteren Abenteuer ein. Auf der richtigen Spitze des Berges thronten so einige große Felsen, die wir jetzt heraufkletterten. Welch ein Spaß. Meine Kamera sollte, von ihnen eingefordert, diesen Moment verewigen. Wir fanden sogar eine Höhle, wo sie ohne meine Vorhut nicht hineingehen wollten. Ich zog Stück für Stück ihre letzten Energien heraus, schließlich sollten sie früh schlafen gehen, damit sie nicht zu sehr die nächtliche Kälte spüren und am nächsten Morgen mit dem Sonnenaufgang aufstehen. Die ersten Sonnenstrahlen erwarteten wir gegen 5 Uhr.
Nach Sonnenuntergang versammelten wir uns alle um das Lagefeuer herum und aßen in lustiger Gemeinschaft diese recht simple aber leckere Mahl, leider wären einige durch die Dunkelheit so sehr verängstigt, dass sie sich schnell erschraken und nicht ohne Begleitung und mehreren Taschenlampen das Licht verlassen wollten. Der Hunger treibt es rein, heißt es immer so schön. Normalerweise beschweren sie sich oder täuschen sogar Allergien oder Brechreize vor, wenn ihnen der Salat zu grob geschnitten ist, vor allem bei Zwiebeln. Doch hier oben forderten alle mehr Salat zu ihrem Reis, obwohl wir Zwiebeln und Tomaten einfach nur in große Scheiben geschnitten haben.
In der Vorbereitung haben wir extra gesagt: „puede pasar de todo“ (alles kann geschehen). Denn schließlich wollten wir in ein Abenteuer aufbrechen, gleichzeitig sorgt soetwas für mehr Spannung und Motivation. Am Ende behielten wir jedoch Recht, denn während die Jugendlichen überall Brennholz suchten, fanden sie etliche weiße, mit Gras bedeckte Kanister, die Benzin enthielten. Zum Glück sagten sie den Betreuern bescheid. Direkt schauten wir uns die Fundstelle an und fanden ca. 10 Kanister, von denen 8 mit Benzin gefüllt waren. Zusätzlich fanden wir einen Sack mit bereits gebrauchtem Kalk. Carlos war sofort klar, wofür das alles genutzt wird: Kokainherstellung. Da aber in zwei Tagen año nuevo Áymara (Neujahr der Áymarakultur) bevorstand, erklärten wird den Jugendlichen zunächst, dass das Benzin vielleicht schon hierhergebracht wurde, um später alle Lagerfeuer zu entzünden. Währenddessen rief eine Mitarbeiterin (die mehr oder weniger gezwungen wurde mitzukommen, da kein homogenes Team aus Männern mit weiblichen und männlichen Jugendlichen auf Exkursion gehen darf) ihren Bruder bei der Polizei, die für Drogenschmuggel spezialisiert ist an. Dadurch kam dann ein Anruf vom Coronel an, der uns versicherte zwei Zivilbeamte zur Inspektion vorbeizuschicken. Während des Abendbrotes tauchten schließlich zwei Beamten in Armeekleidung aus der Dunkelheit auf und baten uns sie zu der Fundstelle zu führen. Im Schlepptau bahnten sich weitere Soldaten ihren Weg durchs Gebüsch. Diese suchten umgehend nach Kokainfabriken, die sie 200m weiter entfernt fanden und mit dem gefundenen Benzin großzügig verbrannten. Dahin war´s mit unserem Ausflug zum Umweltschutz. Die gigantische Rauchwolke konnte selbst bei Dunkelheit nicht übersehen werden. Das restliche Benzin nahmen sie mit. Zudem fragten sie uns, ob die örtliche Dienststelle jemals bei uns angekommen sei, da sie die auch losgeschickt hatten, diese jedoch auf ihrem Rückweg gemeldet hatten, dass sie niemanden bei den Ruinen gefunden hätten. Wir waren aber mit Lagerfeuer nicht zu übersehen. In mehreren Anläufen besprachen wir mit den verantwortlichen Uniformierten, dass es aus Sicherheitsgründen für uns am besten sei, diesen Ort zu verlassen. Doch wollten sie uns keine Batterien für Taschenlampen, keine Taschenlampen dalassen, ebenso wenig uns in ihrem PickUp mitnehmen, nicht einmal die kleinsten und erschöpftesten. Sie könnten einen trufi hochschicken, sofern dieser sich dazu überreden lässt
Somit bauten wir alles rasend schnell ab, um nicht die Gefahr zu laufen, auf die Besitzer zu treffen, die bekanntermaßen regelmäßig ihre Verstecke kontrollieren. Da wir die einzigen weit und breit waren, gibt es da für diese Klientel nicht mehr viel zu besprechen. Zeugen dürfen nicht überleben. Zum Glück verstanden die Jugendlichen die Situation soweit, dass es ihnen auch lieber war, diesen Ort zu verlassen. Bei Vollmond stiegen wir ohne Taschenlampen herab, was sich für viele Jugendlichen als spannendes Abenteuer herausstellte. Im Kollegium teilten wir uns drei, die sich als überflüssig herausstellten, da wir durchs Mondlicht sehr gut sehen konnten. Unsere Kollegin trieb die Herde in ihrer Panik und den Auswirkungen ihre Periode bis ins Tal, wo die Polizei auf uns wartete. Denen wurde das Warten nach einer Stunde jedoch leid und zogen ab. Somit landeten wir schlussendlich in Sipesipe und schlugen die Zelte auf einem Fußballplatz neben einer chicheria (eine Art Kneipe) auf. Nach einem kleinen Happen ging es ab ins Bett, schließlich sind wir am Ende doch recht viel gelaufen.
Mit dem Sonnenaufgang hüpften wir aus den Betten, bauten zusammen, genossen unser Frühstück und liefen wie verkatert zum Dorfplatz. Unsere Kollegin hat sich in der Nacht ohne Notiz aus dem Staub gemacht, da es ihr nach ihrer Auskunft zu schlecht ging, um noch länger bei uns zu bleiben. Mit dem Auto ging es zurück in die Stadt, wo ich alle an verschiedenen Stellen absetzte und froh zu Hause meinen Kaffee genoss und mich vier Stunden lang nicht aus meinem Bett bewegt habe, nicht einmal zum Duschen. Die Entspannung und erlaubte Faulheit musste einfach her.
Am Montag fragten mich die Banausen direkt nach den Fotos und wann es auf die nächste Exkursion geht. Für die Jugendlichen war es ein wirklich tolles Erlebnis, für uns als Team auch, nur hielten wir danach drei Teamsitzungen, um unser Verhalten und das der Polizei zu reflektieren.
Montag, 23. Mai 2011
Geht's über Los?
Aaaaah! Ich renne, sprinte über alles hinweg, was meinen Weg kreuzt und trotzdem gewinne ich keinen Abstand. Nein, er wird unaufhaltsam immer kleiner. Warum ist mir nicht die Kraft gegeben, das Unmögliche umzusetzen? Doch die Realität bleibt mächtig stets über mir schweben -ob ich sie akzeptiere oder nicht. Sie holt mich immer wieder mit Lichtgeschwindigkeit ein. Da kann ich rennen wie ich möchte. Am Ende schmettert sie mir die Wahrheit doch ins Gesicht, so dass es richtig weh tut.
Ich verabscheue schon seid geraumer Zeit diesen Tag. Befürchtet hatte ich es schon von Anfang an, jetzt ist es die grausame Wirklichkeit, die mir immer wieder das Gleiche aufzeigt. Ich schaue so gut es geht weg. Ändern tut sich dadurch leider jedoch nichts. Doch für Momente kann ich es vergessen, diesen Tag, der alles ändern soll.
Viele Verbindungen habe ich nicht konstant aufrecht erhalten. Sie warten auf ihre vorprogrammierte Reaktivierung. Ich habe mich nicht abgeschottet, eher wurde ich durch eine neue, andere Welt eingenommen, die ich so sehr genoss, dass wenig für anderes übrig blieb. Doch der Tag rückt näher, die Verantwortlichkeiten schwappen über den Ozean und zeigen mir auf, was es jetzt zu tun gilt. Zwei Kontinentalplatten krachen, kratzen aneinander. Die ausgelösten Erdbeben erschüttern alles, vor allem das, was unvorbereitet schon vorher dahin schwankte. Die Ruhe ist verflogen, Chaos und Hektik sind dafür eingekehrt. Welch nette Gesellen? Ich habe sie selten so sehr zugleich gemocht und verabscheut. Sie können die Würze jeder Suppe sein, doch auch der Nährboden, in dem alles unliebsam untergeht.
Fragen, Verantwortungen, Formalitäten quälen mich, doch noch viel mehr, dass ich direkt aufs Gefängnis brause ohne über Los zu gehen. Der große Gewinn bleibt also aus? Ich denke nicht. Doch mein Ziel kommt mir momentan nicht sehr attraktiv vor. Die Umgewöhnung wird schwer und weh tun. Allein sitze ich dort und versuche mein rasendes Herz zu beruhigen, der Schmerz wird sonst nur in riesigen Schwallen durch meinen ganzen Körper gepustet. Nichts kann die Suppe aufpeppen, so scheint es oder sehe ich das alles viel zu triste, viel zu negativ? Natürlich gibt es wie immer eine positive Seite des Ganzen, doch macht die es wert? Einige Dinge möchte ich machen, die nur dort möglich sind. Darauf freue ich mich bereits, das kann schön werden. Vorher möchte ich aber noch an Los vorbeikommen und eine Menge auf dem Weg trödeln.
Ende August steigt mein Flieger und möchte nicht. Wie ich es hasse!
Ich verabscheue schon seid geraumer Zeit diesen Tag. Befürchtet hatte ich es schon von Anfang an, jetzt ist es die grausame Wirklichkeit, die mir immer wieder das Gleiche aufzeigt. Ich schaue so gut es geht weg. Ändern tut sich dadurch leider jedoch nichts. Doch für Momente kann ich es vergessen, diesen Tag, der alles ändern soll.
Viele Verbindungen habe ich nicht konstant aufrecht erhalten. Sie warten auf ihre vorprogrammierte Reaktivierung. Ich habe mich nicht abgeschottet, eher wurde ich durch eine neue, andere Welt eingenommen, die ich so sehr genoss, dass wenig für anderes übrig blieb. Doch der Tag rückt näher, die Verantwortlichkeiten schwappen über den Ozean und zeigen mir auf, was es jetzt zu tun gilt. Zwei Kontinentalplatten krachen, kratzen aneinander. Die ausgelösten Erdbeben erschüttern alles, vor allem das, was unvorbereitet schon vorher dahin schwankte. Die Ruhe ist verflogen, Chaos und Hektik sind dafür eingekehrt. Welch nette Gesellen? Ich habe sie selten so sehr zugleich gemocht und verabscheut. Sie können die Würze jeder Suppe sein, doch auch der Nährboden, in dem alles unliebsam untergeht.
Fragen, Verantwortungen, Formalitäten quälen mich, doch noch viel mehr, dass ich direkt aufs Gefängnis brause ohne über Los zu gehen. Der große Gewinn bleibt also aus? Ich denke nicht. Doch mein Ziel kommt mir momentan nicht sehr attraktiv vor. Die Umgewöhnung wird schwer und weh tun. Allein sitze ich dort und versuche mein rasendes Herz zu beruhigen, der Schmerz wird sonst nur in riesigen Schwallen durch meinen ganzen Körper gepustet. Nichts kann die Suppe aufpeppen, so scheint es oder sehe ich das alles viel zu triste, viel zu negativ? Natürlich gibt es wie immer eine positive Seite des Ganzen, doch macht die es wert? Einige Dinge möchte ich machen, die nur dort möglich sind. Darauf freue ich mich bereits, das kann schön werden. Vorher möchte ich aber noch an Los vorbeikommen und eine Menge auf dem Weg trödeln.
Ende August steigt mein Flieger und möchte nicht. Wie ich es hasse!
Donnerstag, 14. April 2011
Coyera - Wiñana
Mit fällt auf, dass ich bis jetzt noch nie meine zweite Arbeitsstelle am Nachmittag vorgestellt habe. Wie ich schon berichtete arbeite ich ja morgens im Projekt Inti K’anchay und nachmittags schließlich noch in Coyera und Wiñana. Wo der Unterschied liegt, erkläre ich im Folgenden noch genauer.
Coyera beschäftigt sich ausschließlich mit Menschen beider Geschlechter (!), die auf der Straße oder auch in einigen Fällen mit Menschen, die sich in den einzelnen Gruppen tagsüber aufhalten, auf der Straße arbeiten und kurz davor stehen auf der Straße zu leben. Viele Menschen fragten mich oft, wie wir die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen täglich finden sowie treffen. Es ist nicht so, dass wir losfahren und aus dem Autofenster schauen, wenn wir kennen. Auch fahren wir nicht zu irgendwelchen Hinterhöfen oder dergleichen, um die jeweiligen Personen zu finden. So wie in Deutschland auch, leben die obdachlosen Menschen in relativ festen Orten und arbeiten hauptsächlich auch an den gleichen Stellen. Ihre zugehörigen Namen resultieren aus den jeweiligen Orts- oder Straßennamen. Jeden Montagnachmittag planen wir im Kollegium unsere Woche, wobei die Vormittage jeder Woche für die gleichen Gruppen eingeplant sind. So können wir unsere Aktivitäten gut mit anderen Organisationen abstimmen, die auch mit den gleichen Gruppen arbeiten. Gleichzeitig erfahren die Gruppen dadurch Routine sowie einen Wochenplan. Drei der sechs Gruppen, mit denen wir arbeiten leben unter Brücken: America, Huaynacapac, Costanera. Eine auf einem Platz (San Sebastian), eine andere befindet sich auf einem Berg (Costanera), an einem von der Stadt abgeschotteten Ort, wo sie sich ihre Hütten konstruiert haben. Die letzte (6 de agosto) besteht aus Kindern und Jugendlichen, die sich zum z.T. zum Arbeiten treffen und einigen, die in der Nähe eines Schwimmbades wohnen.
Sie unterscheiden sich sehr voneinander. Einige Gruppen bestehen schon sehr lange, während sich 6 de agosto erst vor einem halben Jahr neu gebildet hat. Auch die Art und Menge des Drogenkonsums sowie ihre ‚Arbeit‘ variieren. Hauptdroge ist jedoch Schuhkleber, der irgendwann industriell verändert wird, so dass seine Wirkung wesentlich stärker aber auch schädlicher ist. Marihuana wird z.T. auch konsumiert und im Beispiel Huaynacapac und San Sebastian spielt purer Alkohol sowie Chicha eine große Rolle. Der Chef jeder Gruppe sammelt von allen Mitgliedern Geld ein, um den Kleber von einem Dealer zu erstehen, welcher nachwievor in den typischen kleinen milchigen Plastikflaschen verkauft wird. Je nachdem wird täglich eine bis zwei Falschen inhaliert. Er sorgt dafür, dass keine Kälte, Hunger sowie Schmerzen gespürt wird. Gleichzeitig benebelt er den Geist ähnlich wie Marihuana, muss aber für seine Wirkung fast konstant konsumiert werden. Für eine noch stärkere Wirkung kann der Flüssigkleber auch in eine Tüte gekippt werden, aus der wie bei einer Panikattacke ein- und ausgeatmet wird. Da es über die Atemwege geht, wirkt er sofort, geht direkt an die Nervenbahnen und schädigt sie langfristig, wodurch sich zunächst die Feinmotorik verabschiedet, später folgt Grobmotorik, bis hin, dass die Menschen nicht mehr Laufen und dergleichen können. Zudem trocknet das Hirn immer weiter aus, wodurch dessen Leistungen stückchenweisen eingehen.
Die schon angesprochenen ‚Arbeiten‘ sind hauptsächlich Autofensterscheiben zu putzen, wofür sie mit der kleinsten verfügbaren Münze bezahlt werden. Da Bolivien an einem Münzmangel leidet, finden die Bolivianer meistens nur 50 Centavos (2 x 50 Centavos = 1 Boliviano) in ihren Brieftaschen. Dafür kann sich Mensch ein Brötchen beim Bäcker kaufen oder auch eine Tüte Wasser. Zur Erinnerung: ein Mittagessen kostet ca. 10Bs, eine Unterkunft in einem Hostal, wo kein Tourist unterkommen möchte 20Bs. Als Fortschritt gilt Süßigkeiten auf der Straße oder in Bussen zu verkaufen. Viele verkaufen auch ihre gestohlenen Gegenstände auf der Cancha.
Wir versuchen nun die niños en situación de calle dazu zu motivieren, dass sie die Straße verlassen, ihren Drogenkonsum aufgeben und damit einhergehend einige ihre Gewohnheiten und Habitus ändern. Dies ist sehr wichtig, sich zu merken, da anderen Organisationen, die mit den ungefähr 1000 Straßenkindern Cochabambas arbeiten, sich unterscheidende Ziele verfolgen. Alles läuft bei uns über Motivation. Wir können sie zu nichts zwingen. Außer vielleicht unsere Regeln während unseren Aktivitäten zu beachten. Sie können schließlich immer gehen.
Dazu besuchen wir die jeweiligen Gruppen wöchentlich und spielen mit ihnen hauptsächlich Fußball oder andere Sportarten, die unteranderem gegen die Wirkungen des Klebers ankämpfen. Vor den Spielen bieten wir verschiedene Workshops an, die z.B. die Menschenrechte, Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Verhütung, Gewalt (auch Polizeigewalt), Umwelt, Identität, Selbstbewusstsein, Wertschätzung der eigenen Person und der Mitmenschen behandeln. Am Ende jedes Vormittags essen wir mit ihnen eine Kleinigkeit, was auch dafür sorgt, dass sie mindestens einmal die Woche gesund essen und wir gleichzeitig unsere Bemühungen im Bereich der Ernährung praktisch unterstützen. Nebenbei passiert viel in Einzelgesprächen. Sollten aus diesen konkrete Motivationen oder Bedürfnisse (z.B. Arztbesuch) zur Veränderung bestehen, koordinieren wir die dazugehörigen Schritte im Team und setzten sie beim nächsten Mal am Rande um. Obwohl wir mit ca. 154 Straßenmindern insgesamt arbeiten, können wir im Moment rund 25 casos concretos festhalten. Davon verlässt jährlich ein kleiner Prozentsatz die Straße und einige dieser Menschen kehren (längerfristig) nicht auf die Straße zurück.
Von dieser Warte aus betrachtet, erscheint unsere Arbeit aussichtslos, vielleicht sogar sinnlos. Doch trotzdem benötigen sie Hilfe und Zuwendung. Damit die Anzahl der auf der Straße lebenden Menschen nicht noch weiter anwächst versucht Inti K’anchay ja, dem präventiv vorzuwirken.
Auch wenn wir nicht gerade viel Bewirken können und uns schnell Grenzen gesetzt sind, lässt mich der Kontakt und das Zusammensein mit den Kindern meine Traurigkeit darüber vergessen. Denn obwohl sie im ersten Moment und in verschiedenen Situationen wie Erwachsene erscheinen, blickt beständig ein kleines Kind in jedem von ihnen durch. Diese Kombination macht sie oft so liebenswert und süß. Hier kann ein jeder lernen, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen.
Wiñana kümmert sich dann in einem zweiten Schritt um all die Menschen, die die Straße verlassen haben. Meistens besteht dieses Klientel aus Personen, die wir schon aus unserer Arbeit auf der Straße kennen. Dies vereinfacht viele Dinge. Oft haben wir schon im Moment des Veränderungsprozesses damit angefangen die rechtlichen Schritte einzuleiten, um z.B. einen Personalausweis zu beantragen. Auch kennen wir Gewohnheiten, Geschichte und besitzen schon Kenntnisse in den Bereichen educativa, social und psicologia.
Ziel dieses Projektes ist es nun, die Menschen in ihrem Prozess positiv zu unterstützen, zu orientieren und beständig weiter zu motivieren. Dazu besuchen wir sie regelmäßig (je nach Bedürfnissen und Zustand der Personen) in ihren Häusern oder Zimmern. Je nach den Ergebnissen der Gespräche leiten wir die entsprechenden Schritte ein: Begleitung zu Ämtern, Ärzten und öffentlichen Stellen, Unterstützung bei Arbeits- und/oder Lehrstellen, Intervention der Psychologin, das Alphabet lehren. Alle zwei Monate versammeln wir alle zu einem taller (workshop), in denen wir häufige Themen ansprechen. Ziel ist dabei aber auch gleichzeitig, dass die Eltern z.B. aus ihren Häusern rauskommen und mit ihren Kindern andere Orte Cochabambas und Umland kennenlernen. Gleichzeitig können wir sie dadurch zusätzlich in anderen Verhältnissen erleben und gegebenenfalls direkt intervenieren, was auch Tipps oder Hinweise sein können. Ein gutes Essen fehlt natürlich auch nicht, was wie immer aktiv mit area salud (Gesundheit) verbunden wird, so wie auch das Thema, unter der die Exkursion steht.
Da die Mehrheit Paare mit Kindern sind, dreht sich auch viel in unseren Besuchen um die Kinder, deren Erziehung und das Leben als sich liebende Lebensgemeinschaft. Oft versuchen wir die Eltern dazu zu motivieren, dass sie ihre Kinder in den Kindergarten Fenix der Fundación schicken oder in zwei Fällen sogar in Inti K’anchay. Dies sollte, so dachte ich bis vor kurzem noch, für die Eltern sehr attraktiv sein, da ihnen in diesem schwierigen und anstrengenden Bereich noch mehr hilfe angeboten wird, von eine Fundación, die sie schon kennen. Doch durch ihre vielen Erfahrungen mit anderen Organisationen und dem Staat lernten einige vorsichtig zu sein (manchmal verstehen sie [z.T. durch die Effekte ihres Drogenkonsums]die Situation oder Zusammenhänge zwischen den Projekten nicht), da diese vielleicht in einem Moment versucht haben ihre Kinder in Zwangsobhut zu nehmen oder kennen das von Freunden. Misstrauen zu beseitigen benötigt viel Anstrengung und Kraft. Auf jeden Fall koordinieren wir unsere Arbeit regelmäßig mit Fenix.
Mittwoch, 6. April 2011
Zwischenbericht II
Seid meine letzten Zwischenbericht hat sich viel Verändert. Kulturelle und soziale aber vor allem professionelle Erfahrungen sind dazugekommen. Gedanken und Standpunkte haben sich verschoben. Durch eine ausführlich Reflexion und umfassenden Personalwechsel konnten wir als Team gemeinsam das Chaos und Desorganisierung verlassen hinzu zweckmäßigen und umfassenden Arbeiten. Die Fundación Estrellas En La Calle ist nun wesentlich weiter auf dem Weg vorangeschritten ihre Vision zu erreichen. Gleichzeitig kann ich nun in meinem Beruf vollwertig arbeiten und werde darin immer weiter gefordert. Ich habe meinen Platz gefunden und setze eigene Ideen um. Dies geht soweit, dass ich mich in Teamsitzungen stark für z.T. eigene Ideen einsetze und für mich dadurch weiterführende Arbeitsbereiche und Verantwortlichkeiten entstehen, als sie anfangs vorgesehen waren. So muss Arbeit sein. Jetzt entspricht sie trotz noch immer greifenden kulturellen Unterschieden meinen Vorstellungen und lässt mich friedlich zu Bett gehen.
Ich möchte hiermit nicht ausdrücken, dass entwicklungspolitische Freiwillige keinen Nutzen bringen, denn schließlich merke ich jeden Tag, welche Veränderungen und Unterstützungen ich täglich in meiner Arbeit erwirken kann. Ansonsten wäre ich auch äußert unzufrieden. Wie in meinem professionellen Leben auch spielt affektive Evaluierung eine Schlüsselrolle.
Zudem kam ich mit neuer Energie aus meinem Zwischenseminar zurück ins Projekt, die bis heute noch allen zu Gute kommt. Wir tauschten uns viel über unsere stark voneinander unterscheidenden Leben und Arbeitsstellen aus und den dazugehörigen Erfahrungen. Bei Bedarf konnte auch Rat in der Gruppe gefunden werden. Doch am angenehmsten war es, dass ich in Einzelgesprächen viel über die anderen erfuhr und gleichzeitig meine eigene Zeit als entwicklungspolitischer Freiwilliger reflektieren konnte. Dabei fielen mir viele professionelle Aspekte auf, die ich verstärken oder ändern wollte. Im Zuge dessen bemerkte ich erneut Unterschiede der Arbeitstechniken und Grenzen meiner Arbeit.
Am Ende meines zweiten Quartales erhielt ich eine E-Mail von YAP-CFD, in der mir mitgeteilt wurde, dass sich die Bundesregierung dazu verpflichtet hat ihre Entwicklungshilfe von momentanen '0.35 Prozent auf ganze 0.7 Prozentpunkte ihre Wirtschaftskraft' aufzustocken. Im ersten Moment freut mich dies sehr zu hören. Denn aus weltweiten Nachrichten, Erzählungen meiner Mitmenschen und meinen eigenen Erfahrungen weis ich sehr gut, wie sehr verschiedene Länder unserer Welt Unterstützung benötigen. Durch Kolonialisierungsprozesse und noch immer beeinflussende kapitalistische Marktstrukturen fällt es vielen Ländern dieser Erde schwer, sich aus ihren z.T. eingefahrenen Positionen und internationalen Abhängigkeiten selbstständig heraus zu manövrieren. Doch stellt sich für mich die Frage, ob dies mit einem noch größeren Übermaß an unausgebildeten jungen Freiwilligen geschehen kann. Auch in unserem Zwischenseminar stellten wir fest, dass unsere Arbeit kleinste Früchte trägt und dies auch nur bei großer Anstrengung. Wer diesen Dienst zu rein egoistischen Zwecken benutzen möchte, freut sich sehr über sein staatliches Teilstipendium. Veränderungen können über große Zeiträume hinweg gesehen werden.
Leider beherbergen viele mir bekannte Arbeitsstellen mehr Freiwillige, als sie an eigenem Personal beziehen. Wo bleibt da integrative Arbeit zum Nutzen der lokalen Bevölkerung? Bringen unerfahrene Freiwillige so einen großen Nutzen mit sich, als dass sie so monopolisiert eingesetzt werden sollten oder stellt das Geld einfach nur die Attraktivität dessen dar? Wazlawik schrieb in seinem Buch „Die Anleitung zum unglücklich sein“, dass „mehr des selben“ nicht zwingend einen höheren Erfolg mit sich bringt. Auch muss die Art und Weise betrachtet werden. Denn einer im Internet kurierender Scherz besagte, dass das BMZ fürs kommende Jahr alle weltwärts-Stellen mit sofortiger Wirkung gestrichen hat, da die Unnützlichkeit und Fehleinsetzung von Freiwilligen ihre Finanzierung nicht mehr rechtfertigen könne. Natürlich stellt dies eine Extremposition dar. Doch erzählt sie auch ein Stückchen Wahrheit, die sehr genau evaluiert werden muss, bevor deutsche Ministerposten wohltätig kundtun, welche Fürsorge Deutschland für andere Länder übrig hat. Da in unserem momentanen wirtschaftlichen System beständig eine Kosten-Nutzen-Rechnung erstellt wird, sollte dies auch in diesem Bereich erstellt werden.
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