Donnerstag, 16. Dezember 2010

Trimesterbericht 1.0

Da der standartisierte BMZ-Vertrag vorsieht, dass jeder entwicklungspolitische Freiwillige alle drei Monate einen zwischen Bericht abliefert, musste ich mich vor ein paar Wochen auch daran setzen. Ich sollte also meine Vorbereitungs-, Anfangszeit sowie erste Eindrücke/Erfahrungen. Da dieses offizielle Dokument an yap-cfd e.V. sowie die Bundesregierung weitergereicht wird, musste ich es natürlich recht formell belassen. Nichts desto trotz gibt es eine kleine Zusammenfassung wieder.

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Schon lange Zeit vorab hatte ich mich entschieden, nach Ende meiner Erzieherausbildung das Abenteuer im Ausland in Angriff zu nehmen. Durch mehrere Zufälle bekam ich heraus, dass es sogar die Möglichkeit gibt, seinen Zivildienst anstatt in Deutschland, in einem anderen Land zu absolvieren. Welch eine Fügung, dass dies auch im entwicklungspolitischen Sinne funktioniert, wo ich meinen erlernten Beruf auch direkt einsetzen kann. In dieser äußerst kurzen Fassung stieß ich auf das Weltwaerts-Programm und begann Bewerbungen zu schreiben, Auswahlseminare zu besuchen und schließlich den Vertrag von YAP-CFD e.V. zu unterschreiben.

Von hier an ging die Vorbereitung dann erst richtig konkret los. Ich kannte mein Ziel hier in Bolivien, die Fundación Estrellas en la calle. Da die Vertragsunterschreibung für alle entwicklungspolitischen Freiwilligen einige Zeit in Anspruch nahm, überbrückte ich die Zeit bis zum Vorbereitungsseminar mit eigenen kleineren Recherchen, ließ mich aber von der einen Woche weitestgehend überraschen. Hier besprachen wir erneut unsere Motivation, Erwartung sowie Befürchtung, aber auch Gefahren kultureller Unterschiede, die Menschenrechte, wichtige bürokratische Formalitäten und Erfahrungsberichte. Unser eigenes bevorstehende Jahr und seinen Sinn sowie Erfolgschancen betrachteten wir erneut äußerst kritisch. Schön war, dass durch kleinere Spiele (die fast alle in ihren Projekten wieder anwenden können), Gemeinschaftsaktivitäten und freie Zeit für unterschiedlichste Gruppenprozesse und Abwechslung gesorgt wurde. Dadurch formierte sich das Seminar insgesamt zu einer äußerst positiven und hilfreichen Erinnerung. Bemerkenswert bleibt noch, dass wir gemeinschaftlich Überlegt haben, wie wir mit den spontanen Weltwaertskürzungen, die alle Organisationen außer den Deutschen Entwicklungsdienst betreffen sollten, umgehen sollten. Bei manchen stand einfach schon die Abreise in 6 Wochen an. In dieser kurzen Zeitspanne umzuplanen fällt äußerst schwierig, da für Universitäten und Ausbildungen die Bewerbungsfristen schon abgelaufen sind.

Auf dem Vorbereitungsseminar besprach ich zu meiner Freude direkt mit meiner Mentorin, dass wir das Projektseminar kurz vor meinen Abflug legen, da bereits feststeht, was ich alles vorher besorgen muss. Zudem war ich dann auch schon mit meinen Abschlussprüfungen durch und konnte alle Eindrücke, die mir reichlich verabreicht wurden, wesentlich besser aufnehmen. Auch konnte ich dann durch den persönlichen Kontakt alle bis dahin entstandenen Fragen klären. Das Team von YAP-CFD e.V. kümmert sich damals wie heute äußerst vielseitig und umsichtig um meinen Aufenthalt und bietet mir zu jeder Zeit ein offenes Ohr.

Durch die Vorbereitung in Deutschland viel es mir recht leicht in meinem Projekt anzukommen, dabei half natürlich auch die Einführungswoche meiner Arbeitsstelle. Uns wurde unsere generelle Position, Sinnhaftigkeit und Möglichkeiten sowie alle einzelnen Projekte vorgestellt. Anschließend ging die Arbeit sofort los. Da ich am Vormittag im Präventionsbereich und am Nachmittag auf der Straße arbeite, gestaltete sich der Start natürlich unterschiedlich. Die erste Hälfte vom Tag erlebte ich zunächst holperig, da Aufgaben sowie Anleitung im Tagesgeschehen fehlten. Schnell wurde mir bewusst, dass meine Chance darin liegt, meine eigenen Vorschläge und Ideen umzusetzen und dadurch Erfahrungen zu sammeln. Nach dem Mittagessen konfrontierten mich dann eher kleinere Kulturschocke bezüglich Umgangsweisen innerhalb den Straßenkindergruppen und der blanken Armut. Dies konnte das Team aber sehr gut auffangen sowie auch sprachliche Schwierigkeiten. In den Aktivitäten merkte ich, dass ich meine eigene Schüchternheit überwinden muss, um das anfängliche Interesse der Kinder nicht einfach versiegen zu lassen. Nachmittags im Projekt Coyera klappte dies recht gut, da ich beim Fußballspiel und Gesprächen mit eingebunden wurde. Mittlerweile soll ich mit einem anderen Freiwilligen, selbst Straßensozialarbeiter mit langjähriger Erfahrung, einmal wöchentlich die Aktivitäten für eine Gruppe planen und umsetzen. Bei Bedarf können wir uns jederzeit Hilfe aus dem Team holen. Damit dies hier nicht falsch verstanden wird: Wir besuchen die Gruppen nie ohne das Team! Nichts desto trotz wurde uns beiden Verantwortung übertragen, die wir sehr gerne auf uns nehmen. Darüber hinaus werde ich gerade in der Einzefallbetreuung eines jungen Mannes, der nach etlichen Jahren die Straße erfolgreich verlassen hat, stark mit eingebunden. Resümierend möchte ich zu dem Projekt Coyera sagen, dass ich von Anfang an herzlich aufgenommen wurde und schrittweise an Aufgaben und Verantwortlichkeiten herangetragen wurde, wofür ich sehr dankbar bin.
Meine Vormittage im Inti Kánchay haben sich seid dem Anfang sehr stark verbessert. Nach ihrem Mutterschaftsurlaub kehrte die alte Chefin und Theaterpädagogin zurück. Mit ihr zusammen soll ich den Arbeitsbereich des Erziehers übernehmen. Soziale Arbeit und psychologische Betreuung übernehmen werden von zwei anderen Fachkräften betreut. Durch diese Zusammenarbeit übertrug mensch mir endlich Aufgaben und Verantwortungen. Wir fingen direkt an, ein Theaterstück mit den Kindern zu üben, welches Tanz, Spiel und Gesang einschließt. Weitere Aktivitäten planen wir gerade, die dann nach der Aufführung umgesetzt werden sollen.

Doch führe ich neben meinem professionellen Leben auch noch ein privates, von dem ich nur positives berichten kann. Schnell freundete ich mich mit einigen Arbeitskollegen an, die mir gerne ihr Land und Kulturen zeigten. Von diesem äußerst erfreulichen Start wuchs mein soziales Netzwerk stetig an, so dass ich mich gut von der Arbeit erholen kann. Capoeira- sowie Charango-Unterricht versüßen natürlich umso mehr die freien Stunden. Ich denke, dass ich durch diese gute Anbindung an das Leben hier, Deutschland eher wenig und nur in bestimmten Momenten vermisse. Feten, gemeinsames Kochen, Ausflüge und Reisen versüßen mir meine Zeit schon extrem.

Spannend bleibt, wie sich der schnell eingestellte Alltag weiterentwickeln wird, sowie auch meine Arbeit, welche neuen Erfahrungen ich sammeln werde und welche Überraschungen das Leben noch für mich bereit hält.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Reisen

Durch die noch übrig gebliebenen Überstunden von dem Wochenende, an dem wir eine kirmess veranstaltet haben, um Geld für das Restaurantprojekt Kartoffel zu sammeln. Sprich: Wir haben verschiedene bolivianische Gerichte und refrescos angboten. Ein Tag Vorbereitung, am anderen fand das Spektakel dann statt. Dadurch bekam jeder von uns 2 Tage an Überstunden gutgeschrieben, die bis Ende November genommen werden musste. Da ich ja auch immer am Samstagvormittag meine Schicht im Inti K’anchay schiebe, ging ein halber Tag für die tolle Reise nach La Paz drauf.


Dort kamen wir bei Freunden (andere Freiwillige aus ihrer Organisation) von Ronja und Mia unter, genauer gesagt in EL Alto, der höchstgelegenen Stadt der Welt. Durch die Nähe zum Himmel fallen die Temperaturen natürlich extrem stark ab. Ein Grund mehr beim Konzert meines Charango-Lehrers Fernando und der Band Atajo ordentlich zu Tanzen. Natürlich haben wir uns auch ein wenig im Touristengebiet rumgetrieben. Doch zum Glück nur, bis wir uns mit Fernando, der hier aufgewachsen ist, trafen und leckeren Fisch aus dem Titicacasee aßen. Nach einem kurzem Absteche bei seiner Familie, trennten sich unsere Wege, da er sich aufs Konzert vorbereiten musste.


In der Zeit fanden ein vegetarisches Restaurant, in dem mensch oder doch lieber direkt Mönch uns zu einer Festlichkeit zur Säuberung eines Steines von einem heiligen indischen Berg. Somit saß ich mit den beiden Mädels mitten in eine Feier Hare Krischnars. Was für ein Erlebnis! El Alto schauten wir uns am nächsten Tag an oder was wir davon überhaupt sehen konnten. Wir gingen schließlich auf den Sonntagsmarkt, der ein ganzes Stadtviertel einnimmt. Um die Dimension noch ein wenig anders zu beschreiben: Wie gewöhnlich gibt es bestimmte Bereiche für bestimmte Produkte, doch irrten wir ganze Häuserblöcke durch das Möbelareal und trafen auf Straßen, wo nur Kommoden oder ausschließlich Tische oder Betten angeboten wurden. Riesig. Natürlich verirrten wir uns in dem Gewusel mehrmals. Leider gab uns die lokale Bevölkerung durch eigene Verwirrung oder Unkenntnis z.T. äußerst falsche Richtungsangaben.



Übrig blieben also noch 1 ½ Tage. Diese wollte ich mit Mia in einem Dorf in der Nähe Cochabambas verbringen. Ich fragte also in meinem Freundeskreis rum, welche Orte zu empfehlen sind. Schlussendlich vertraute ich Christoph, der schon immer nach Mizque reisen wollte, es aber nie schaffen sollte. Für alle anderen vorgeschlagenen Siedlungen wünsche ich mir mehr Zeit. Ich besorgte uns also Bustickets, die uns in der Nacht ankommen ließen.


Da solch ein provinzielles Dorf fast nur am Dorfplatz Straßenlaternen in Betrieb hält, folgten wir den Wegbeschreibungen der Bevölkerung in dunkle Straßen. Nach meinen beiden Erlebnissen und etlichen Erzählung war ich im Gegensatz zu Mia recht misstrauisch unterwegs. Die liebe Cholita saß schlafend vor ihrem Hostal und ließ und recht laut rufen, bis sie aufwachte. Am Morgen klopfte sie dann um 8 Uhr an der Tür, um abzukassieren. Vom Dorfplatz aus und einigen Informationen aus dem lokalen Museum über archäologische Fundstätten liefen wir los in die Pampa, durchquerten einen Fluss und bestaunten, wie tief die Taxis dabei ins Wasser einsanken.


Je weiter wir von dem ärmlich erscheinenden Dorf entfernten, umso einfacher und existenzieller wurden die Lebensverhältnisse. Auf dem Beet/Acker vor der Tür tummelten sich Huhn, Schaf, Kuh, Schwein und Hund, wobei im mittelalterlicher Art und Weise Rinder den Holzpflug durch die vertrocknete Erde schabten. Mizque selbst liegt in einem Tal, umrundet von vielen aber oft recht kahlen Bergen. Durch die sengende Hitze, beständige Waldbrände und grundsätzlich typische Flora und Fauna spazierten wir eine ganzen Tag lang durch pralle Sonne. Da entschieden wir uns schnell für den Weg auf den alten Schienen, anstatt weiter den Berg hinauf zu steigen. Zumal lächelte uns ein wenig mehr Abenteuer entgegen. Wer große Touristenattraktionen erwartet, dem kann ich dieses kleine bezaubernde Örtchen nicht empfehlen. Doch an Natur kann sich hier satt erlebt werden. Z.B. begrünten die braun-orange und aufgeplatzte Erde Kackten, Bäume, deren kleine Blätter wie eine grüne Lampe strahlten. Leider trat ich auch in Dornen, die sich so fies in meine Sohle gepiekt haben, dass ich sie mit meiner Zange rausziehen musste.


Irgendwann entdeckten wir dann eine gigantische Hängebrücke, die wir uns unbedingt anschauen mussten. Ich denke, dass sie errichtet wurde, damit die Menschen auch noch in der Regenzeit den Fluss überqueren können. Zurück im Dorf genossen wir direkt refrescos und fanden heraus, dass der Markt noch offen hat. Dies zogen wir doch glatt einem schnöseligen, uns direkt empfohlenen Restaurant vor. Lustig fand ich, dass ich mir immer überlege, was ich zu Kartoffeln, Reis oder Nudeln dazu kochen möchte. Auf unserem Teller fanden wir alles drei reichlich und ein Stück Fleisch mit leckerer Soße vor. Diese Köstlichkeit kostete uns gerade mal umgerechnet 1€. Wann immer ich Zeit fand, übte ich zur Freude Mias Charango. Nachts ging es dann mit dem Bus zurück. Das verrückte dabei ist, jederzeit Zugestiegen werden kann, weswegen der Bus schnell überfüllt war und einige Menschen die fünf Stunden rüttelfahrt schlafend auf dem Gang verbrachten.

Samstag, 20. November 2010

Bienvenidos

Alle guten Dinge sind drei, doch vielleicht können wir es dieses Mal bei zwei belassen. Am Mittwoch trank ich mit Orlando bei ihm zu Hause einen Kaffee und tauschten Musik aus -ein wunderschöner Abend. Zuvor hatte ich mich just mit Johannes darüber unterhalten, natürlich auf Spanisch, dass es ein wenig komisch wirkt, wie uns immer wieder zu fast allen Gebieten Boliviens gesagt wird, dass es peligroso (gefährlich) sei. Ob das nun in der Innenstadt oder im Rand Cochabambas sei, immer sei es nicht sicher. Wir schlossen daraus einfach, dass die Kriminalität eine andere Rolle im täglichen Leben spielt und so oder so alles gefährlich ist. Weswegen wir uns immer vorsehen müssen.

Nachts durch die Straßen laufen ist riskant, weil mensch hier ausgeraubt, überfallen und belästigt werden kann. Also folgt die logische Schlussfolgerung mit Trufi oder Taxi zu fahren. Doch wie wir aus meinen Erfahrungen gelernt haben, ist das auch nicht Gottes Segen. Bei Taxis muss auch Vorsicht gewaltet werden, denn es fahren auch sogenannte falsche Taxis durch die Stadt, die einen dann direkt zum nächsten Bankautomaten, nach Hause oder woandershin bringen. Was bleibt nun übrig, wenn alle Varianten mit einem gewissen Risiko beladen sind? Vorsicht walten lassen? Doch die hilft auch nicht immer, wie wir an meinem Beispiel sehen werden.

Ich verlasse gegen 10.30 Uhr das Haus von Orlando, verabschiede mich an der Hauseingangstür bei dem Sicherheitsdienst und mach mir Musik an, um meine Freude über den Abend aufrecht zu erhalten. Mit Musik läuft es sich einfach angenehmer nach Hause. In aller Freude zieh ich meine Spur durch die Straße. An der Ecke, wo ich abbiegen möchte, kommen mir im Schatten des Baumes zwei Männer just um dieselbe entgegen. Als wir uns sofort auf gleicher Höhe befanden, drehte sich der eine Mann zu mir, als ob er mich nach etwas fragen möchte. Im selben Moment merkte ich, dass hier etwas nicht stimmt, dass die beiden nichts Schönes wollen. Intuitiv setzte ich an, um loszurennen. Sah auch das Messer in seiner Hand. In meinem Körper schreit alles Alarmstufe Rot, allmögliche Hormone initiieren sich selbst. So stell ich mir eine Drogeninjektion vor: auf Knopfdruck verändert sich jegliches Gefühl, der ganze Körperzustand. Damit aber niemand wegrennen kann, sind es ja schließlich zwei. Beide drückten mir ihre Messer in die Brust und kommandierten wild herum. Natürlich kannte ich die Idee, dass mensch in solchen Situation vollkommen ruhig und kooperativ bleibt, um sich so gut wie möglich zu schützen. Doch hatte ich viel zu viel Angst, um auch nur annähernd logisch denken zu können. Mit zwei Messer gegen die Wand gedrückt bedienten sie sich sofort an meiner Hosentasche. Mein Geld hatte ich jedoch in der anderen, die mit meiner Seite an der Wand klebte. Somit fanden sie mein altes, fast nicht mehr funktionierendes Handy, mein MP3-Player und Schlüssel. Beim Wegrennen sog mir einer noch ein Stück Papier aus der hinteren Tasche. Mit einer dreifachen Überdosis Adrenalin rannte ich zurück zu Orlandos Haus, doch leider war der Sicherheitsdienst nicht mehr zu sehen. Auch durch wahlloses Klingel zeigte er keinen Pieps von sich. Irgendwann gab ich auf und rannte zu mir nach Hause. Orlando konnte ich schließlich nicht anrufen, da mir gerade mein Handy abgenommen wurde, leider auch mein Schlüssel. Weswegen ich Doña Miriam aufwecken musste, damit sie mir aufmacht und den Ersatzschlüssel für mein Zimmer gibt, den sie zum Glück noch hatte. Mit einer zweistündigen Verzögerung landete ich endlich in meinem Bett und durfte die Luft Cochabambas noch lange weiter genießen. Bis sich mein Adrenalinspiegel soweit abgesenkt hatte, dass ich schlafen konnte. Doch zunächst klebte ich noch Zettel an die Türen meiner Mitbewohner, dass sich mich am nächsten Morgen wecken sollen. Das hatte sonst immer mein Handy übernommen.

Klar habe ich jetzt danach etliche Ersetzungen zu besorgen, doch was mich viel mehr beschäftigt, ist was ich für Konsequenzen daraus ziehen soll. Als ich mich im Nachhinein mit meinen Freunden darüber unterhalten habe, hörte ich von jedem mindestens auch ein Geschichte über den eigenen Raubüberfall. So schlimm sich das auch sagen lässt, gehört Diebstahl oder alles was unter dem Ausdruck, dass es gefährlich sein, zusammengefasst wird zu dem Leben hier dazu, vor allem wenn mensch mit seiner weißen Hautfarbe hervorsticht.

Dienstag, 16. November 2010

Donnerstag, 4. November 2010

el dia de los muertos


de Christoph Hanser
Seid neustem habe ich jeden Dienstagmorgen frei, da ich schließlich am Samstag um 7 Uhr aufstehe, um gut gelaunt zur Arbeit zu gehen. Den letzten freien Tag habe ich auch super genutzt: ausgeschlafen, Kaffee getrunken, mir dazu ein Stück Schokolade gegönnt (wirklich nur ein Stück) und ein bisschen in mein Buch geschrieben. Doch diesen Morgen sollte das Ausschlafen ganz anders aussehen.

Um 6 Uhr in der Früh sprang ich aus meinen Federn, um innerhalb einer halben Stunde abmarschbereit zu sein. Schließlich wollten wir uns an diesem Feiertag um 7.30 Uhr in der Stadt treffen. Von dort ging es dann mit einem Trufi nach Tarata, ein kleines aber altbekanntes Dorf, welches ca. eine Stunde von Cochabamba entfernt liegt. Vor etlichen Jahrzenten ernannte der damalige Präsident Boliviens dieses Dorf zur Hauptstadt, er kam schließlich von dort. In Tarata angekommen machten wir uns fast unverzüglich zum außerhalb gelegenen Friedhof. Natürlich drehten wir eine runde um diesen bezaubernden Dorfplatzt der vor gigantischen Palmen fast überquoll. Auch probierten wir das örtliche Brot und ich muss ehrlich zugeben, dass ich hier noch nie so leckeres und vor allem sättigende Brötchen genießen konnte. Auf dem Friedhof packten wir dann Gitarre und Charango aus.

de Christoph Hanser
Doch wozu eigentlich das Ganze?
In Deutschland wird dieser Tag auch gefeiert, wenn auch kleiner und an einem anderen Datum. An El Dia De Los Muertos wird den bereits verstorbenen Familienangehörigen erneut Ehre erwiesen und für ihre Heiligkeit gepriesen. Zwar habe ich an diesem Fest noch nie in Deutschland teilgenommen, so denke ich aber trotzdem, dass dies in der bolivianischen Kultur weitaus anders verläuft. Bereits am Vortag laden die Familien alle Angehörigen und alle die interessiert sind ein, bei ihnen zu Hause ein Gebet für die Verstorbenen zu sprechen und dabei an dem Festmahl teilnehmen. Doch der Hauptteil fängt am eigentlichen Feiertag an. Hier werden bereits am frühsten Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen die Gräber hergerichtet. Unkraut wird verbrannt, Blumen in halbierten Plastikflaschen in den Grabhügel hineingesetzt und ein Tuch über dem Verstorbenen ausgebreitet, um darauf die äußerst leckeren masitos zu platzieren. Diese kleinen Brote und Gepäcke wurden schon seid circa einer Woche überall in der Stadt wie wild verkauft und schmecken wesentlich anders als normales Brot. Die verschiedensten Sorten bestehen aus Keksen, in Papier gebackenem Kuchen und Brot in Tier-, Mensch- und Kreuzform. Ein Kanister mit selbst gebrauter Chicha steht natürlich auch parat.

Die religiös begründete Idee dahinter besteht darin, dass an diesem Tag die Toten zurück auf die Erde kommen. Die Familien sorgen nun dafür, ganz nach der Idee, dass mensch für seine Heiligkeit etwas Gutes tun muss, dass wildfremde Menschen ein Gebet für die Toten sprechen oder auch einfach nur musizieren. Der Tote wird nun ähnlich wie in der katholischen Kirche bei der Beichte von seinen Sünden etwas befreit und wird ein Stück heiliger. Doch so wie es in den Wald hineinruft, schallt es auch heraus, muss die Familie im Gegenzug stellvertretend für den Verstorbenen dem Betenden etwas von den Köstlichkeiten anbieten. Laut bolivianischer Kultur kann solch eine Einladung auch nicht abgelehnt werden, was nur wirklich interessant bei dem massiven Chichakonsum interessant wird. Dieses Heiligung wird jedes Jahr durchgeführt, jedoch wesentlich ausgeprägter auf den Dörfern, als in den Städten.


Wir, ein wilder Haufen Freiwillige und Bolivianer, zogen nun über den Friedhof und bestaunten, das wilde Chaos, wie die Gräber angeordnet sind und zum Teil so schlecht gepflegt und zertreten wurden, dass sie fast unerkennbar waren. An dem großen gepflasterten Weg reihten sich große Mausoleen für ganze Familien an. Wie überall in Bolivien lässt sich der finanzielle Unterschied innerhalb der Gesellschaft auch hier gut erkennen. Manche Familien mit kapellenähnlichen Gräbern übersehen sie mit masitos, so dass mensch kaum noch etwas erkennt. Andere setzen wenige Pflanzen in eine Plastikflasche und können als Gegenleistung nur ein tränenunterlaufenes Dankeschön aussprechen. Manche Grabsteine bekamen einen neuen Anstrich (natürlich Farbe mit Latexmischung) oder auch eine Decke aus Blumen überzogen. Die Familien kamen nun auf die herumstromernden Fremden zu und fragen sie, wieviel sie für ihr Gebete verlangen. Ja richtig! Wieviel Geld wir verlangen, um für die Verstorbenen zu singen. Das ist Teil des Austausches. Wir entschieden uns sofort gegen jegliche Finanzierung, da wir mit unseren „Einkünften“ mehr als ein doppeltes Monatsgehalt beziehen. Doch in Bolivien können Einladungen nicht einfach ins Leere abgelehnt werden. Da wir uns sehr befremdlich dabei vorkamen, vor einem Grabhügel für eine fremde verstorbene Person zu musizieren, gaben wir stets an, dass wir als Bezahlung lediglich etwas über die Person wissen möchten. Obwohl in Bolivien der Gemeinschaftsgedanke, die Überlegung durch das Kollektiv zu größeren Zielen zu gelangen sehr stark ausgeprägt ist, fiel die Reaktion auf unsere Bitte sehr unterschiedlich aus. Manche Familien fingen fast bei der Geburt an und endeten bei der Erklärung des Familienstammbaums. Andere gaben nur das Todesjahr und den Familiennamen an. Da wir auch zwei Lieder aus Italien und Norwegen parat hatten, holten wir uns die Erlaubnis ein, auf einer fremden Sprache singen zu können und erklärten dabei auch den Inhalt. Im Anschluss wurden uns dann die leckeren masitos und/oder kübelweise Chicha angeboten -z.T. erneut auch Geld. Manchmal redeten wir während des Verzehrs und der dabei bedachten Tradition dessen noch ein wenig mit der Familie. Doch diese Geschichten bezahlten wir stets mit noch mehr Schalen Chicha, die wir trinken mussten. Ablehnen gibt es nicht, höchstens die Familie auch auf einen Trunk einladen. Zu der Chicha muss noch angemerkt werden, dass dies ein alkoholisches Maisgetränk ist, welches sich in dörfliche und städtische Chicha unterteilt. Erstere ist wesentlich purer gebraut und nicht noch extra mit Alkohol gepanscht, dafür aber vielleicht nicht sehr hygienisch wertvoll hergestellt.

Außerhalb des Friedhofes tobte das Leben. Ein Stand reihte sich an den nächsten und bot all mögliche Leckereien an: Von meinen geliebten Refrescos, über Eis mit Zimt- oder Milchgeschmackt (Eis aus reinem Wasser wird zerrieben und mit den genannten Geschmacksrichtungen engereichert), Nüssen, Süßigkeiten, Masitos, Blumen, Gebäck, bis hin zu gerngesehenen platos. Bier und Chicha fehlten natürlich nirgends. Hierbei möchte ich gleich die Gelegenheit nutzen und noch mehr kulinarische Spezialitäten erläutern. Churitos sind kleine würzige Würstchen und werden mit einem Salat und aufgekochtem Mais serviert. Chicha-Ron, das klassische Essen zu dem Getränk, besteht aus einem Allerlei des Schweins mit aufgekochtem Mais und kann getrost als eine verhältnismäßige teurere aber sehr leckere Mahlzeit bezeichnet werden. Wie schon mal erwähnt, wird in Bolivien alles vom Tier verwendet, auch die sonst in Deutschland fein säuberlich abgetrennte Schwarte. Hier wird sie so geröstet, dass sie wie Chickennuggets aussehen. Schmeckt schäuslich.

Da wir uns bei diesem Brauch sehr befremdlich vorkamen und auch nicht genau wussten, wie wir uns zu verhalten haben, suchten wir des Öfteren nach einer Runde über den Friedhof Zuflucht in just diesen Ständen und genossen das reichhaltige Angebot. Hinzukam, dass wir mit unseren kulturellen Unterschieden zu kämpfen hatten, da das Thema Tod in Deutschland nur innerfamiliär und tabuisiert behandelt wird. Hier springen Kinder über Gräber und sammeln für ein Gebet einen Sack voll masitos ein. Abseits dessen brachte jeder von uns auch ganz andere religiöse Hintergründe und Vorstellungen mit.


Nach reichlich Essen und Chicha begaben wir uns auf unseren Heimweg, erkundeten noch ein wenig Tarata, bemerkten, dass in dem ganzen Dorf das Bier aufgekauft war und es kaum noch Fahrgelegenheiten nach Cochabamba gab. Alle Trufis und Taxis, die ihren Weg am Dorfplatz vorbei bahnten, wurden innerhalb einer Sekunde von dreißig sehnlichst Wartenden überfallen. Irgendwann hielt ein leeres Taxi genau vor unserer Nase an und ließ insgesamt neun Leute einsteigen: zwei im Kofferraum, vier auf der Rückbank und zwei auf dem Beifahrersitz. Aber das ist noch lange kein Pappenstil. Ein anderes Taxi, normaler Fünftürer, verließ das Dorf mit 11 Mitfahrern. Da sich an der Mautschranke eine kilometerlange Schlange bildete kehrten wir auf der Autobahn ein kleines Stück um und düsten in der Finsternis über holprige Sandstraßen verfolgt von zwei weiteren Taxis. Selbst Rally-Autos würden hier ihren Spaß nicht finden, ich aber ein neues Abenteuer Boliviens.